Kate, William & ich waren da. Haben uns aber nicht getroffen.

20:53 Uhr – Langstreckenflüge mit Umsteigen in eine andere Zeitzone können sehr anstrengend sein, obwohl man eigentlich nichts macht, außer zu sitzen. Ohne den Rückflug könnte ich aber mit gutem Gewissen behaupten, dass acht Tage in New York City die reinste Entspannung waren. Kein Stress mit Pflicht-Sehenswürdigkeiten, einfach ein bisschen durch die Straßen ziehen und so tun, als ob man dazu gehört. Ich glaube sogar, dass es mir einigermaßen gut gelungen ist, streckenweise als waschechter New Yorker durchzugehen. Gut, in der Bronx und in Harlem vielleicht nicht ganz, aber Manhattan läuft. Ist eigentlich auch ganz einfach: Wer bei Rot an der Ampel wartet, ist ein Touri. Fertig.

In SoHo, Chelsea und im MoMA habe ich mich ein bisschen inspirieren lassen, in Lower Manhattan bin ich ewig für eine heiße Schokolade bei Starbucks angestanden, am Southstreet Seaport habe ich die Dezembersonne genossen, in Midtown habe ich Jeans, Pullover und Hemden mit Sternchen gekauft, mich im Madison Square Garden über amerikanische Sport- und Musikgeschichte informiert und bin in großen Pfützen herum gelatscht, in den Strawberry Fields habe ich den Beatles-Songs eines Straßenmusikers gelauscht, auf der Brooklyn Bridge habe ich mich gewundert, warum ich nicht als einziger auf die Idee kam, darüber zu spazieren, in Brooklyn selbst habe ich mich über die Ruhe gefreut, in Jamaica den Sonnenuntergang bewundert, in der Bronx habe ich einen Zoo ohne Tiere besucht und in Harlem habe ich mich sehr bleich gefühlt, mich dann aber in den Morningside Hights mit einem sehr Schwarzen über das sehr anstrengende Treppensteigen ausgetauscht und anschließend den Campus der Columbia University überquert. Und in Garden City habe ich geschlafen, getratscht, dem Hund den Bauch gekrault und gut gegessen. Und die ganze Zeit habe ich natürlich unendlich viele Selfies gemacht. Das muss man ja heutzutage.

22:27 Uhr – Gut, dass ich mich in Manhattan auskenne, wie in meiner eigenen Westentasche (der von der roten Daunenweste). Und gut, dass ich bei meiner letzten Reise nach New York mit einem strammen Programm so ziemlich alle Sehenswürdigkeiten abgeklappert habe. So kann ich es nämlich ab Donnerstag gemütlich angehen lassen, wenn ich wieder dort bin. Einfach mal so tun, als ob mich das alles nicht mehr beeindrucken könnte, als ob ich ein Kosmopolit der ersten Stunde wäre und als ob die Rush-Hour einer Millionenstadt für mich die Wellness-Oase schlechthin wäre. Und zwar ohne iPod-Stöpsel in den Ohren.

In Wahrheit bin ich aber einfach nur beschissen vorbereitet. Gut, die Flüge sind gebucht (liebe Lufthansa-Piloten, kommt nicht mal auf die Idee…) und die Unterkunft ist gesichert. Aber was ich in New York anstellen werde? Kein Plan. Die amerikanische Fußballliga ist scheinbar in der Winterpause, das entfällt. Um mich nach anderen Sportereignissen umzusehen, hat mir die Zeit bisher gefehlt. Und das soll ja auch so teuer sein in Amerika. Immerhin weiß ich schon genau, in welcher Kneipe ich am späten Vormittag Bundesliga gucken kann. Und am frühen Nachmittag Champions League. Dann habe ich mir fest vorgenommen, mich dieses Mal nicht nur von McDonalds zu ernähren. Amerika-Kenner haben mir nämlich auch die anderen Fastfood-Läden ans Herz gelegt. Und das soll ja auch so günstig sein in Amerika. Vielleicht finde ich auch wieder meine Lieblingsgalerie in Chelsea und kaufe mir endlich ein Bild von Mark Kostabi. Kann ja so teuer nicht sein.

Vielleicht kaufe ich auch kein Bild, sondern kofferweise Jeans. Auch die sollen ja so günstig sein. Oder ich probiere alle Kaffee-Geschmacksrichtungen bei Starbucks durch und fliege dann ohne Flugzeug zurück nach Deutschland und überhole unterwegs noch den Red Bull-Typen. Auf dem Hinflug bin ich aber ja auf jeden Fall noch im Flugzeug (Piloten… Warnung!). Vielleicht blättere ich dann doch kurz durch meinen alten, abgegriffenen Reiseführer. Könnte ja sein, dass es in dieser Stadt doch noch irgendetwas gibt, was ich noch nicht gesehen habe. Die Freiheitsstatute zum Beispiel. Die hatte vor zwei Jahren wegen Hochwasser geschlossen.

Vor es in den Urlaub geht, schlägt aber der harte Arbeitsalltag nochmal mit seiner ganzen Gewalt zu: Morgen steht die erste von (mindestens) drei Weihnachtsfeiern beim neuen Arbeitgeber an. Auf gehts.

Der letzte Schrei

19:56 Uhr – Früher war nicht alles besser. Zum Beispiel in folgender Situation: Acht junge Menschen haben sich nach einer durchtanzten Nacht in einem Augsburger Wohnzimmer versammelt, fast alle auf dem Sofa. Man redet über große Kunst. „Das Nachtcafé“ von van Gogh wird besprochen, „die Seerosen“ von Monet ebenso – und auch die blaue Phase von Picasso ist jedem Gesprächsteilnehmer ein Begriff. Dann kommt die Rede auf „Der Schrei“ von Edvard Munch. „Das steht im Moma in New York“, ist sich einer der Kunstaffinen sicher, schließlich hat er es dort schon bewundert. „Falsch“, meint ein Anderer. Schließlich hat er das Original ganz sicher in Norwegen bestaunt – letzten Sommer. „Quatsch, kann ja alles gar nicht sein“, zweifelt ein Dritter. Er habe im Kunstunterricht gelernt, dass das Bild geklaut wurde – und zwar schon mehrfach. Es hinge vielleicht im Bernsteinzimmer, aber sicher weder in New York noch in Oslo.

Früher hatte das zu Streit und Tränen oder zumindest zu Ratlosigkeit geführt. Heute gibt es Wikipedia und alle können glücklich sein (und Recht haben):

„Der Schrei“ ist der jeweilige Titel von vier nahezu identischen Gemälden des norwegischen Malers Edvard Munch, die zwischen 1893 und 1910 entstanden. Die Temperaversion von 1910 und die Pastellversion von 1893 werden im Munch-Museum Oslo, die Temperaversion von 1893 in der norwegischen Nationalgalerie ausgestellt. Die Pastellversion von 1895 befindet sich in Privatbesitz und wurde vom 24. Oktober 2012 bis zum 29. April 2013 im Museum of Modern Art in New York City gezeigt.
Am 12. Februar 1994 entwendeten Diebe die Temperaversion von 1893 aus der norwegischen Nationalgalerie. Am 22. August 2004 entwendeten maskierte Täter bei einem bewaffneten Raubüberfall auf das Munch-Museum die Temperaversion von 1910. Im Dezember 2006 gab das Munch-Museum bekannt, „Der Schrei“ sei durch die Folgen des Raubes derart zerstört worden, dass eine vollständige Restaurierung nicht möglich sei.

Bei einer Sache kann Wikipedia dann allerdings auch nicht helfen: Nämlich dabei, sich bei absoluter Kunst-Ahnungslosigkeit Bildtitel auszudenken, die so authentisch klingen, dass alle Gesprächsteilnehmer augenblicklich an die Existenz der erfundenen Werke glauben.

„Stillleben vor geschlossenem Fenster“ von Dalí und „Bildnis einer ganz normalen Frau“ von da Vinci sind aber auch echt Meisterwerke.

Dann klappts auch mit dem Nachbarn

gurkenglanz

20:30 Uhr – Da kommt doch endlich mal zusammen, was einfach zusammen gehört: Gurke und Spülmittel. Leider muss ich zugeben, dass es mir nicht so ganz klar ist, was der Trick dahinter ist. Wenn ich irgendwas nicht mit Frische und Glanz verbinde, dann ist das nämlich ganz eindeutig eine gemeine Salatgurke. Und ich nehme an, dass das vielen potenziellen Käufern so geht. Wenn aber alle potenziellen Käufer genau das machen, was ich gemacht habe, dann wird das Gurken-Spülmittel ein durchschlagender Erfolg. Ich habe zugegriffen und mir das Ding gekauft. Sollte es sich als Flop erweisen, scheidet leider auch eine Alternativnutzung als Gurkenmaske aus: Das Spülmittel verursach laut Warnhinweis schwere Augenreizungen und es wird zum Tragen von Augenschutz geraten. Ein Teufelszeug, wie mir scheint.

Saison-Sonett: 10. Spieltag

Treibjagd

Erst läuft ein Spitzenspiel auf hohem Niveau,
doch dann kommt Suboti? bei Schwarzgelb
und zieht so lange bis Ribéry endlich fällt.
Dortmund steht fast ganz unten im Tableau.

Wenn Stuttgart mitspielt, es bleibt dabei,
dann mangelt es an zahlreichen Treffern kaum,
diesmal allerdings alle im Tor von Kirschbaum.
Und Wolfsburg? Schwups, 4 Tore, Tabellenplatz 2.

Paderborn marschiert unbeobachtet fröhlich dahin,
kann gegen Hertha sein das 4. Erstligaspiel gewinn‘.
Freiburg siegt zum ersten Mal im zehnten Spiel.

In Hamburg wird der Weggang von Çalhano?lubeklagt
Und darum macht der HSV auf den Hakan jetzt Jagd.
Gemein: Das führt auch noch erfolgreich zum Ziel.

21:54

Lieber Herr Boenke,

bevor ich das 6. Kapitel Ihres Oberschwaben-Krimis „Gott’sacker“ aufschlagen, möchte ich Ihnen noch ein paar Zeilen schreiben.

Vorweg: mit Regional-Krimis habe ich eigentlich noch nie gute Erfahrungen gemacht. Eine Ausnahme sind dabei die Kluftinger-Krimis aus dem Allgäu, die, so empfinde ich es, diesen Markt für regionale Geschichten auch erst geöffnet haben. Alles was allerdings nachkam, egal ob ebenfalls aus dem Allgäu, aus Schwaben, Franken oder von der Ostsee, kann leider nicht mithalten. Auch die ersten fünf Kapitel Ihres Krimis aus dem Jahr 2010 nicht.

Nach fünf Kapiteln soll man aber noch nicht über ein ganzes Buch urteilen. Allerdings drängt sich mir schon seit den ersten Seiten ein Verdacht auf: Kann es sein, dass Sie versucht haben, in diesem Buch die erfolgreichsten belletristischen Ansätze der letzten Jahre zu vereinen? Das Kluftinger-Trittbrett habe ich bereits erwähnt, aber damit nicht genug. Das Buch beginnt mit einer Leiche, die massenhaft Fliegen anzieht und aus der eine ganze Armada von Maden herauskriecht. Spannende Idee. Leider haben Sie entweder nicht den Mut oder nicht das Rüstzeug, dieses Szenario so detailliert zu beschreiben wie Ihr offensichtliches Vorbild Simon Beckett in seiner Reihe um den forensischen Anthropologen David Hunter. Dass Ihr Mörder seine Opfer an einem metallenen Kreuz ausrichtet, lässt mich vermuten, dass Ihnen auch der amerikanische Autor Dan Brown geläufig sein dürfte. Er hat (religiöse) Symbolik in seinen Thrillern wie Sakrileg ja bekanntlich recht erfolgreich thematisiert. Ihre Hauptfigur Daniel Bönle, ein nicht mehr ganz junger, studierter Taugenichts, der in seinem Elternhaus lebt, sein Erbe für Bier und Motorräder ausgibt und jungen Blondinen nachsteigt, drängt sich mir bisher nicht als besonders spannender Charakter heraus. Hier eine Nähe zu erfolgreichen weil eigentlich durchschnittlichen und langweiligen Charakteren aus diversen Männer-Unterhaltungs-Romanen (Vollidiot, Resturlaub, Hummeldumm, Linksaufsteher…) zu unterstellen, wäre bestimmt etwas weit hergeholt.

Insgesamt aber eine interessante Mischung. Und wie heißt es so schön: Man muss das Rad ja nicht jedes Mal neu erfinden. Ich bin gespannt, welches Bestseller-Element mir in Kapitel 7 über den Weg läuft. Etwas mehr Verhüllung wäre allerdings angebracht, in Zeiten, in denen ehemalige Bundesminister wegen Plagiatsvorwürfen des Landes verwiesen werden.

Einen Punkt noch zum Schluss: Nicht nur an der Stelle mit der verwesenden Leiche würde ich mir etwas mehr Liebe zum Detail wünschen. Auf Seite 33 schreiben Sie beispielsweise von Häusern, die im „Stil der 50er-Jahre erbaut waren“. Mit diesem Satz laden Sie sich ja gewissermaßen selbst zu einer näheren Beschreibung der Wohngegend ein. Nutzen Sie die Macht der Worte, Bilder zu erzeugen. „Häuser im Stil der 50er-Jahre“ löst zumindest bei mir kein Bild aus. Nachhilfe gibt Ihnen sicherlich gerne Jan Weiler. Er ist ein wahrer Experte im beschreiben von Reiheneckhäusern.

Aber, lieber Herr Boenke, nichts für ungut. Ich freue mich jetzt auf die den Fortgang Ihres Krimis. Vielleicht kann er mich ja sogar soweit überzeugen, dass ich mir im Anschluss sofort Ihre anderen Oberschwaben Krimis kaufe. Dass es noch andere gibt, ist ja immerhin ein sehr gutes Zeichen dafür, dass Ihr Konzept aufgeht.

Mit den besten Grüßen
Ihr Leser
Simon Fehr

Der Erfolg gibt ihm recht.

Bei der Brauerei Härle steht das Bekenntnis zu Heimat und Natur im Vordergrund. Nicht Wenige im württembergischen Allgäu schimpften Geschäftsführer Gottfried Härle deshalb jahrelang einen grünen Dickkopf. Aber sein Erfolg gibt ihm recht: Nicht erst seit sein Bier als erstes überhaupt mit dem baden-württembergischen Bio-Siegel ausgezeichnet wurde, gilt er als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit.

Seine Bierkessel heizt er mit Holzhackschnitzeln, der Fuhrpark fährt mit Biodiesel und auf dem Dach sind Photovoltaik-Anlagen montiert: Wenn Gottfried Härle sein Bier braut, belastet das das Klima nicht. „100% klimaneutral gebraut“ steht darum auch auf jeder einzelnen Flasche Härle Bier. Klimaneutrales Bier braut Härle aber nicht aus Marketinggründen, sondern aus Überzeugung. Denn „gestern Autorennen, heute Regenwald und morgen Tennis“ hält der 60-jährige nicht für glaubwürdig; glaubwürdig sei nur, „wer wirklich was macht“. Weil es seine tiefe Überzeugung ist, dass sich jeder um die Umwelt Gedanken machen „und das dann in seinem Umfeld auch umsetzen muss“, führt er seine Brauerei seit 30 Jahren nach ökologischen Prinzipien. Dass man die schwarzen Zahlen trotz grüner Ideen nicht aus den Augen verlieren darf, ist Härle klar – und er hat damit Erfolg: In den vergangenen 15 Jahren ist der Bierausstoß seiner Brauerei um zwölf Prozent gestiegen. Im gleichen Zeitraum verringerte sich der Absatz aller Brauereien in Baden-Württemberg um über 13 Prozent. Von ehemals drei Biersorten hat Härle das Sortiment seiner Brauerei auf stolze 14 ausgebaut.

Familien-Brauerei in vierter Generation
Gottfried Härle wächst in der familieneigenen Brauerei Clemens Härle in Leutkirch im Allgäu auf, sein heutiges Büro im ersten Stock war sein Kinderzimmer. Als 17-Jährigen zieht es ihn für ein Jahr in die USA, nach dem Abitur zum Studieren nach Konstanz und München. Dort steht aber nicht Brauwesen im Vorlesungsverzeichnis – wie der Vater es gerne gesehen hätte – sondern Volkswirtschaftslehre. „Marketing und Vertrieb waren schon immer meine Neigungen“, erinnert sich Härle. Auch nach dem Studium hat er nicht die elterliche Brauerei im Kopf, sondern erst einmal die Friedensbewegung. Gegen russische Mittelstreckenraketen und den Nato-Doppelbeschluss organisiert der damals 29-Jährige im Oktober 1983 eine Menschenkette zwischen Ulm und Stuttgart, „ohne Handy und Internet. Noch nicht mal Fax gab‘s. Und ich musste dafür sorgen, dass auf den ganzen 108 Kilometern auf jedem Meter wirklich zwei Menschen stehen.“ Härle erzählt dies mit einem Leuchten in den Augen und so, als ob es letzte Woche gewesen wäre. Zufrieden streicht er sich seinen üppigen Schnauzbart zurecht.

Deutschland wird noch von Kaiser Wilhelm II. regiert, als Brauerei-Gründer Clemens Härle 1896 den Grundstein für die Leutkircher Brautradition legt. Bis heute wird in dem damals erbauten, stattlichen dreistöckigen Gebäude aus rötlichen Ziegeln das Härle Bier gebraut. 1984 steigt schließlich der Urenkel des Gründers, Gottfried Härle, als Junior-Chef in den Familienbetrieb ein. Einfach macht er sich diese Entscheidung nicht: „Ich habe lange überlegt: Macht das Sinn? Damals war ja gerade großes Brauereisterben in Deutschland.“ Seitdem entwickelt er die Brauerei „im Sinne der Tradition“ weiter, seit 20 Jahren legt er einen starken Fokus auf die Region. Während beispielsweise die Gerste früher in Frankreich gekauft wurde, stammt sie heute komplett aus Oberschwaben. Für heimische Rohstoffe zahlt Härle auch gerne mal mehr als den aktuellen Weltmarktpreis. „Das schafft Vertrauen und gibt den Bauern der Region eine nachhaltige Perspektive“, erklärt er, während er sich entspannt zurücklehnt und sich mit der Hand durchs graue, halblange Haar fährt. Verkauft wird das Härle-Bier ebenfalls ausschließlich in der Region, nämlich in einem Umkreis von 50 Kilometern um Leutkirch. Zu einer klaren Positionierung als regionales Unternehmen gehört für Härle aber auch, die Region zu unterstützen. Darum fördert er rund um Leutkirch Vereine und Veranstaltungen als Sponsor, allerdings nur, „wenn ich selbst von einem Projekt überzeugt bin.“ Oft sind das Veranstaltungen, die auch von potenziellen Härle-Trinkern besucht werden, denn schließlich soll durch das Sponsoring auch die Zielgruppe erreicht werden: „Darum unterstützen wir zum Beispiel junge Alternativkultur, Festivals oder Studentenlokale.“

Kritische Stimme der Bürger
Auch abseits von Bier und Sponsoring engagiert sich Härle sehr für seine Heimat – und zwar in der Kommunalpolitik. Vor 25 Jahren gründete er die Leutkircher Liste als eine offene Liste für grüne Ideen. Seitdem sitzt er im Gemeinderat, auch weil er sich als örtlicher Unternehmer dazu verpflichtet fühlt. Bei den Leutkirchern kommt seine verwaltungskritische, oft eigenwillige, aber immer konstruktive Art an: Bei den Kommunalwahlen im Mai 2014 machen sie ihn zum Stimmenkönig; er erhält mit Abstand die meisten Stimmen aller Kandidaten. Härles politischer Weggefährte Burkhard Zorn, ein Leutkircher Spielwarenhändler, schätzt an seinem Fraktionsvorsitzenden dessen rhetorisches Geschick, den „gesunden Humor“ und „dass Gottfried mit seinem Intellekt den Faden immer unglaublich schnell aufnehmen kann.“ Allerdings verschweigt Zorn auch nicht, dass der Umgang mit Härle „ein bisschen schwierig“ werden könne, „wenn man anderer Meinung ist als er. Wenn’s mal nicht nach seinem Kopf geht.“ Schmunzeln kann Zorn dagegen über die modischen Marotten seines Parteifreundes: das obligatorische Cord-Sakko und die knallroten Socken, für die Härle stadtbekannt ist. Diese sind sein Markenzeichen, seit er als 15-Jähriger von seiner Großmutter ein Paar geschenkt bekommen hat. Konsequent wie er ist, hat er seit 45 Jahren keine andersfarbigen Socken mehr getragen. Einen politischen oder philosophischen Hintergrund der Farbwahl bestreitet Härle; er fügt aber spitzbübisch hinzu, dass es auf jeden Fall geschickt sei, „denn die Verwandtschaft weiß immer, was sie mir zu Weihnachten und zum Geburtstag schenken kann.“

Vorreiter und Preisträger
Neben der Region fühlt sich Gottfried Härle auch für die Umwelt verantwortlich, vor allem als Unternehmer. Die ersten grünen Ideen trägt er in den 90er-Jahren in die Brauerei hinein, zum Beispiel mit einer öffentlichen Ökobilanz, die zeigt, wie hoch der Wasserverbrauch der Firma ist oder wie viel Chlor die Reinigungsmittel enthalten. „Das hat damals für viel Kopfschütteln gesorgt“, sagt der Branchenpionier heute. 1998 stellt er seinen Fuhrpark auf Biodiesel um – die alteingesessenen Fahrer sind äußerst skeptisch, „aber es ist keiner liegengeblieben.“ Seit einigen Jahren verbrennt der gertenschlanke Firmenchef lieber Holzhackschnitzel aus der Region als jährlich 120.000 Liter Heizöl. Dazu war eine Investition von rund einer Million Euro nötig, „das amortisiert sich natürlich nicht schnell mal in fünf Jahren.“ Sein Umweltengagement ist für Härle aber nicht nur eine Herzensangelegenheit und gute Werbung, es bringt ihm auch zahlreiche Preise ein. Gerahmte Urkunden schmücken die weiße Wand des kleinen Besprechungsraums im Erdgeschoss des Verwaltungsgebäudes, darunter der Deutsche Solarpreis, der Nachhaltigkeitspreis der Ethik-Bank und der Umweltpreis des Landes Baden-Württemberg. 2010 wählt außerdem die Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis die Brauerei Härle unter die Top 3 der nachhaltigsten Unternehmen Deutschlands. Die Jury lobt Gottfried Härle als „engagierten und authentischen Familienunternehmer, der nachhaltige Unternehmensführung in seiner Brauerei lebt und verkörpert“.

Selbstverständlich spielen Naturschutz und Region auch in Härles Privatleben eine wichtige Rolle, er könne sich ja schließlich nicht spalten: „Darum versuche ich auch privat möglichst Produkte aus der Region einzukaufen. Das geht hier in der Ecke ja ganz gut.“ Dann schmunzelt Härle aber plötzlich, fährt sich abermals mit der rechten Hand durchs mittlerweile ziemlich zerzauste Haar und bekennt, dass selbst er trotz allem „kein Umweltengel“ sei: „Ich fahre Auto und fliege mit meiner Frau auch mal in den Urlaub.“ Am liebsten heben die beiden in Richtung Griechenland ab, um Strand und Kultur zu genießen. 37 griechische Inseln haben sie schon besucht, „alle 160 schaffen wir wohl nicht, aber ein paar sind schon noch geplant.“ Gerne ist Härle aber auch mit seinem Hund rund um seinen Wohnort Herlazhofen, einem Dorf bei Leutkirch, an der frischen Luft oder mit seiner Frau beim Wandern im württembergischen Allgäu unterwegs. Wenn es die Zeit zulässt. Schließlich ist er mit seinem bürgerlichen Engagement und seiner Brauerei meist eingespannt. Nur daheim zu sitzen ist für Härle aber trotz näher rückendem Rentenalter ohnehin kein Ziel: „Nur Rasenmähen, Gartenzaun streichen und den Keller fünf Mal putzen, das ist nichts für mich. Darum bin ich ja auch Unternehmer geworden und nicht Beamter.“

 

Bachelorarbeit mal anders

8:46 Uhr – Da hatte eine Studentin mal eine sensationelle Idee, wie ich finde . Und diese Bachelorarbeit würde ich mir auch gerne mal angucken. Oder vielleicht zu einem kurzen Büchlein umgeschrieben haben. Hier ein kurzer Auszug aus dem Spiegel:

Fünf Wochen lang glaubten Freunde und Familienmitglieder, dass Zilla van den Born, 25, durch Laos, Kambodscha und Thailand reist. Dabei waren alle Urlaubsbilder, die sie auf Facebook postete, ein digitaler Schwindel – die Studentin hatte zum Beispiel Bilder von sich vor exotische Hintergründe montiert. Das „Fakebooking“ war Teil ihrer Bachelorarbeit im Fach Grafikdesign an der Kunsthochschule Utrecht.

Ein Interview mit Zilla von Born gibt es hier auf Spiegel online zu lesen.

Da stimmt was nicht

19:15 Uhr – Was für eine Torflut gestern Abend in der Champions League:

AS Rom – Bayern München 1:7
FC Chelsea – MK Maribor 6:0
BATE Baryssau – Schachtar Donek 0:7

„Toll“, würde der neutrale Betrachter behaupten. „Da stimmt was nicht“, würde mein Opa behaupten. Und er würde nicht nur, ich bin mir sogar sicher, dass er genau diesen Satz gesagt hat, als er heute Morgen die Ergebnisse im Videotext nachgeschaut hat. Vielleicht hat er seine Theorie nicht sofort am Frühstückstisch meiner Oma vorgestellt (sie kennt die Theorie nach 57 Ehejahren nämlich schon), aber mit Sicherheit der nächsten Person, die er heute getroffen hat.

Und das ist seine Theorie: Wenn in einem Fußballspiel zwischen zwei Mannschaften mit einem Klassenunterschied von drei oder weniger Klassen (Ligen) eine Mannschaft mit fünf oder mehr Toren Differenz gewinnt, dann liegt das nicht an den besseren Fußballern, sondern: dann stimmt was nicht.

Was kann da nicht stimmen? Bestechung? Spielt eine Mannschaft gegen den Trainer? Alles ist möglich. Aber die Theorie stimmt auf jeden Fall, da vertraue ich meinem Opa. Mein Opa war schließlich schon volljährig, als Deutschland 1954 zum ersten Mal Weltmeister wurde und hat dementsprechend langjährige Erfahrung mit Spielen, in denen was nicht stimmt. Mein Opa hat schon Sepp Maier mehrere Biere eingeschenkt. Mein Opa ist Ehrenmitglied beim FC Leutkirch und hat noch echte Leutkircher Derbys zwischen FC und Vorwärts erlebt. Mein Opa informiert sich im Halbstundentakt im Videotext über aktuelle Entwicklungen im Weltfußball. Mein Opa studiert immer den Sportteil der Bild am Sonntag. Mein Opa verpasst keinen Doppelpass am Sonntagvormittag und keine Nachrichtensendung auf Sport1 unter der Woche. Der jüngste Enkel meines Opas ist schon älter als Mario Götze.

Ich finde, das Vertrauen in meinen Opa ist gerechtfertigt. Da stimmt was nicht.

menue21:03 Uhr – Ich bin kein Freund von Lederhosen, muss mich nicht durch überfüllte Bierzelte quetschen und habe Besuche auf Oktoberfest und Wasen hinter mir, die nicht zwangsläufig wiederholt werden müssen. Und wenn ich vor zwei Jahren beim Oktoberfest in der Stierkampfarena von Valencia (die Spanier trinken mit Strohhalmen aus Maßkrügen – zu fünft! – das muss das Mallorca-Gen sein) dachte, der Tiefpunkt wäre erreicht, so habe ich mich vermutlich geirrt. Mein ehemaliger kolumbianischer Mitbewohner hielt das Oktoberfest gar für den deutschen Nationalfeiertag (wer hat den auch ausgerechnet auf den 3. Oktober gelegt – ist doch klar, dass das für Verwirrung sorgt). Natürlich kann ich nicht verschweigen, dass ich mir einst eine Badehose in Lederhosenoptik gekauft habe. Aber ich fand das geschmacklos-witzig – und es war in einer Zeit, als nicht jedes Musikvereinsmitglied so eine hatte. Das alles schien jedoch passé.

Bis ich vor wenigen Tagen wieder festgestellt habe: Am Oktoberfest ist einfach kein Vorbeikommen. Meine Schwäche liegt wohl in der Kulinarik. Vor allem dann, wenn vermeintlich bayerische Schmankerl auf Leckerbissen aus anderen Kulturkreisen stoßen. Okay, dass Oktoberfest und Italien bei so vielen besoffenen italienischen Besuchern irgendwann eins werden, war absehbar. Aber trotzdem, hier ist sie, die absolut leckere Oktoberfest-Pizza:

pizza