20:47 Uhr – In einem Fußballstadion ist das mit dem Toilettengang ja immer etwas anders als an so ziemlich allen anderen Orten der Welt. Nicht wegen der überschaubaren Hygiene und den lustigen Aufklebern an der Fliesenwand. Nein. In einem Fußballstadion steht die Schlange nämlich vor dem Männerklo. Bei den Damen: Gähnende Leere. Verrückte Welt. Im Züricher Letzigrund wird die Situation aber noch etwas verrückter, was an dem Piktogramm auf der Toilettentür liegt. Die Dame auf der Toilettentür trägt nämlich nicht den in Deutschland obligatorischen Rock. Dafür macht Sie mit einer in Deutschland so nicht gesehenen Oberweite auf sich aufmerksam. Ein interessanter Weg für ein Land, in dem es das flächendeckende Frauenwahlrecht erst seit 1990 gibt.

Manch Bodybuilder sieht das "F" und denkt: "Super - Fitnessstudio!"
Manch Bodybuilder sieht das „F“ und denkt: „Super – Fitnessstudio!“

 

une marche au jardin du vin

21:41 Uhr – Ganz klar, andere Leute haben sicher aufregendere Hobbys, gehen am Feierabend Freeclimben, Felsenspringen, Feuerspucken oder gar Fahrradfahren. Ich nehme mir auch gerne auf dem Heimweg von der Arbeit eine Sporteinheit vor, stelle dann aber daheim fest, dass mir Sport jetzt irgendwie doch zu anstrengend ist. Ein bisschen Bewegung und frische Luft muss aber trotzdem sein – also mache ich einen Spaziergang. Wie besagt schließlich auch (angeblich, ich habe die Quelle nicht geprüft) ein altes chinesisches Sprichwort? „Die Schildkröte sieht mehr vom Weg als der Hase“ – oder Simon Fehr eben mehr als Usain Bolt. Doch auch wenn ich kein Sprinter bin, ein Ziel brauche ich trotzdem (Beim Thema „Der Weg ist das Ziel“ bin ich nicht immer einer Meinung mit Konfuzius). Und hier bin ich wirklich froh, dass ich wieder im gelobten Baden-Württemberg und nicht mehr im spießigen Bayern lebe – denn hier haben die Supermärkte entschieden länger auf. Netto und Lidl bis 21 Uhr – aber die beiden kenne ich schon und die Spazierstrecke ist keine Herausforderung mehr für mich (Bolt hat ja auch ab und an Lust auf die krassen 200 Meter). Also habe ich mir heute meinen großen Rucksack mit Pfandflaschen gefüllt und bin in Richtung Weingarten losspaziert. Auf dem Weg habe ich allerlei schöne und weniger schöne Häuser gesehen (fragt mal den Herrn Bolt, wie viele Häuser er in 9,58 Sekunden so sieht). Bis ich schließlich ein sehr großes und sehr hässliches Haus erreicht haben: Den Real-Supermarkt in Weingarten. Zu Fuß zum Einkaufen in eine andere Stadt – naja, okay – in Ravensburg und Weingarten jetzt vielleicht nicht so ein riesen Ding. Ich fand’s trotzdem ein kleines bisschen spektakulär und habe darum für euch ein Foto geschossen.

jardin du vin
Dieser Supermarkt liegt zu 0 Prozent in Frankreich – ich fand einen französischen Titel aber trotzdem schick.

Weil ich aber auf einem fiesen Berg wohne, hat es der Rückweg (mit gefülltem Rucksack) natürlich in sich. Da ich aber jetzt schon einige Wochen Ravensburger Spaziergangerfahrung habe, kenne ich inzwischen ziemlich gute Routen. Und ich bin natürlich dermaßen stark am Berg geworden, dass ich bei 12°C nur noch leicht ins Schwitzen komme. Und darum geb ich auf dem Heimweg Gas. Denn irgendwann will man den Spaziergang ja auch mal wieder beenden, daheim auf den Bürostuhl sitzen und das Erlebte aufschreiben.

Mensch Ilija, mach hinne!

21:32 Uhr – Ich habe seit Tagen überhaupt keine Lust mehr ins Bett zu gehen. Daran ist nicht mein Bett schuld, und müde bin ich im Normalfall eigentlich auch. Der Grund ist meine Gute-Nacht-Lektüre. Seit Wochen kämpfe ich mich durch „Der Weltensammler“ von Ilija Trojanow. Dass ich für ein Buch so lange brauche, ist schon außergewöhnlich, gerade, wenn es in einer Sprache verfasst ist, in der ich fließend lesen kann. Gut, „Der Weltensammler“ hat auch über 500 Seiten, aber das ist es nicht. Das Buch macht mich einfach fertig. Der Klappentext hört sich eigentlich ganz spannend an:

Der britische Offizier Sir Richard Burton ist einer der seltsamsten Menschen des an exzentrischen Figuren reichen 19. Jahrhunderts: Anstatt in den Kolonien die englischen Lebensgewohnheiten fortzuführen und jede Anstrengung zu vermeiden, lernt er wie besessen die Sprachen des Landes, vertieft sich in die fremden Religionen und reist zum Schrecken der einheimischen Behörden anonym in diesen Ländern herum. So betritt er, in Indien zum Islam konvertiert, als einer der ersten Europäer unerkannt die heiligen Stätten von Mekka und Medina; und er reist zu den Quellen des Nils eine seelische und körperliche Zerreißprobe, die zum Zusammenbruch führt. Iljia Trojanow hat einen farbigen Abenteuerroman geschrieben, der durch genaue Sachkenntnis begeistert. Er ist Burton durch drei Kontinente hinterhergereist, um der Faszination, die Hinduismus, Islam und afrikanischen Naturreligionen auf ihn ausübten, aufzuspüren.

Das Problem: Die Geschichte ist trotzdem scheißlangweilig. Man mag es bei dieser Ankündigung eigentlich kaum glauben, aber es passiert rein Garnichts. Jetzt könnte man das Buch natürlich einfach weglegen. Das widerspricht aber erstens meinen Prinzipien und zweitens bin ich jetzt eh schon auf Seite 333. Außerdem ist da noch was anderes: Das Buch hat eine absolut verrückte Erzählweise. Im ersten Teil wechselt die Perspektive zwischen der tatsächlichen Handlung und den Erzählung eines Bediensteten des Weltensammlers, der die Geschichte von einem Schreiber aufschreiben lässt. Im nächsten Teil wechselt sich die tatsächliche Handlung dann mit im Dialog geschriebenen Befragungen verschiedener Weggefährten des Weltensammlers ab. Das macht mich auch fertig. Vor allem, weil ich mir fast sicher bin, dass auch noch eine dritte Erzählweise ins Spiel kommt, die noch dann vielleicht noch verrückter ist. Ich kann jetzt also unmöglich einfach aufhören zu lesen. Und die Hoffnung stirbt ja schließlich zuletzt, dass die Handlung doch noch besser wird. Oder zumindest der Weltensammler zuletzt stirbt.

21:25 Uhr – Mein lieber Cousin Marc ist umgezogen und hat dabei wohl auch seinen Keller entrümpelt. Gefunden hat er unter anderem eine LED-Partyleuchte mit rotierendem Disco-Lichteffekt und motorbetriebenem Leuchtenkopf mit drei farbigen LEDs. Da ich eigentlich jeden Scheiß brauchen kann und dazu auch noch ein bekannter Diskohüpfer (und Technikfreak) bin, hab ich mir das Teil natürlich gerne schenken lassen. Jetzt ist es endlich installiert – und das Leben ab sofort eine einzige Party.

21:42 Uhr – Unter der Dusche hat man ja manchmal die besten Einfälle. Eben habe ich über die aktuellsten Entwicklungen auf dem internationalen Fußball-Transfermarkt sinniert. Xabi Alonso zu Bayern, Kagawa zu Dortmund, Holtby zum HSV, Chicharito zu Real Madrid und Falcao zu Manchester United. Mir ist dabei allerdings nichts ein-, sondern etwas aufgefallen. Und zwar, dass Radamel Falcao Angst vor der Champions League hat. Und ich kann es belegen.

Im Sommer 2009 wechselt der Kolumbianer für rund 5 Millionen Euro von River Plate in Argentinien zum FC Porto nach Portugal. In seiner allerersten Saison in Europa macht er tatsächlich ein paar Spiele in der Champions League. Genauer gesagt 8, in denen er auch beachtliche 4 Tore erzielt. Im Achtelfinale ist dann Schluss für den „Tiger“. Er macht sein bis dato letztes Spiel in der Königsklasse. Die Saison in der portugiesischen Liga läuft für Porto auch nicht ganz optimal, nach dem letzten Spieltag stehen die Blauweisen nur auf einem enttäuschenden 3. Platz, der nicht zur Champions League berechtigt.

2011 hat sich Falcao in Europa bereits einen großen Namen gemacht und seinen FC Porto zum Meistertitel und damit zurück in die Königsklasse geschossen. Er aber wechselt für stolze 47 Millionen Euro zu Atlético Madrid. Der Haken: Atlético war nur 7. in Spanien – das heißt für Falcao mal wieder Europa League. Im Jahr darauf wird Atlético mit Falcao immerhin 5. – aber auch der Platz reicht bekanntlich nicht für die Champions League. Im zweiten Jahr mit Falcao klappt es dann, mit Platz 3 in der Liga qualifiziert sich Atlético für die große europäische Bühne.

Und was macht Falcao? Der wechselt im Sommer 2013 zum französischen Aufsteiger AS Monaco. Aufsteiger. Keine Champions League. Ist klar. Monaco wird als Aufsteiger direkt Vizemeister und schafft den Sprung in die Königsklasse. Was macht Falcao? Das kann kein Zufall mehr sein:

Falcao wechselt zu Manchester United. Zum englischen Serienmeister und Dauer-Favoriten in der Champions League. Dumm nur: Ausgerechnet in der letzten Saison ist United nur 7. geworden. Und das heißt: Zum ersten Mal seit Menschengedenken kein Europapokal im Old Trafford, geschweige denn Champions League.

Geht man davon aus, dass Manchester diese Saison wieder was gebacken kriegt, auch Dank den Toren Falcaos, dann darf man ja jetzt schon gespannt sein, wo der Kolumbianische Wunderstürmer nächste Saison seine bunten Treter schnürt.

Für alle, die dem Text jetzt mangels Fachkenntnis und Phantasie nicht folgen konnten, hier nochmal tabellarisch:

2009/2010   FC Porto   CL
2010/2011   FC Porto   keine CL
2011/2012   A. Madrid   keine CL   (Porto: CL)
2012/2013   A. Madrid   keine CL
2013/2014   AS Monaco   keine CL   (A. Madrid CL)
2014/2014   Manchester   keine CL   (AS Monaco CL)

Der Wahnsinn als Fazit: Dieser absolute Ausnahmestürmer, der inzwischen auch schon 28 ist, hat in seiner Karriere tatsächlich erst 8 Champions League-Spiele gemacht. Weil er immer im richtig falschen Moment den Verein wechselt. Und fast genau so tragisch: Ein WM-Spiel hat er noch kein einziges.

 

Maria, ihm schmeckt's nicht.

22:19 Uhr – Das ZDF hat heute den Film „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ gezeigt, der nach dem gleichnamigen Buch von Jan Weiler im Jahr 2009 verfilmt wurde. Dafür möchte ich mich beim Zweiten bedanken. Es ist nicht so, dass ich den Film noch nie gesehen hätte. Und auch das Buch habe ich mehrmals gelesen. Trotzdem finde ich den Film außerordentlich gelungen. Während ich das Buch nämlich hauptsächlich als lustig in Erinnerung habe, erzählt der Film phasenweise sehr ergreifend die Geschichte des Gastarbeiters Antonio. Dabei kommen aber Lacher auf keinen Fall zu kurz. Gerade über die typischen deutschen und italienischen Klischees kann man wunderbar lachen, obwohl die im Film eigentlich kritisch beäugt werden. Außerdem kann man wunderbar italienische Flüche und böse Wörter lernen.

Kurz und knapp, was ich damit sagen will: Wer es nicht ohnehin schon getan hat, sollte sich auf der Stelle das Buch besorgen und das nächste Mal die Glotze anmachen, wenn es heißt „Maria, ihm schmeckt’s nicht.“

 

Wir lieben Lebensmittel

edeka
Bildquelle: Edk Koblenz

21:24 Uhr – EDEKA. Das sind ja bekanntlich die, die nicht nur ganz amüsante Fernsehwerbung machen, sondern auch Lebensmittel lieben. Da trifft es sich eigentlich ganz gut, dass es nur wenige Gehminuten von meinem Arbeitsplatz einen nigelnagelneuen und recht geräumigen Markt der blaugelben Handelskette gibt. Natürlich gibt es dort auch eine Fleischtheke, die warme und kalte Snacks feilbietet. Zum einen freue ich mich beim Studium des Angebots immer aufs Neue, dass ich endlich wieder in einem Landstrich wohne, in dem Brötchen „Wecken“ heißen. Zum anderen freue ich mich auch immer, dass dort Mett-Wecken auf der Karte stehen (wobei genau in dieser Kombination wiederum auch „Brötchen“ seinen Reiz hat). Die Geschichte mit den auf der Angebotstafel angebotenen Mett-Wecken hat nur einen Haken: Mett-Wecken gibt es nie. Zu keiner Tageszeit an keinem Tag. Und Mett ist auch nicht in etwa wegen großer Beliebtheit ständig aus; Mett wird einfach nicht gemacht, wie mir die Fleischwarenfachverkäuferin im Vertrauen verraten hat. Ein ziemlich hinterlistiges Angebot also. Aber beim weiteren Analysieren der groben und feinen, fettigen und extrem fettigen Auslage kam mir eine Idee. So habe ich eine Zwiebelmettwurst im Plastikdarm geordert und die plauderlaunige Dame angewiesen, mir jene auf einen Laugenwecken zu streichen. Uns war beiden schnell klar, dass eine komplette Zwiebelmettwurst auf einer Laugenweckenhälfte eine gehörige Portion ist. Der Laugenwecken war nämlich sehr klein. Und jetzt weiß ich auch, warum EDEKA Lebensmittel liebt: Die Verkäuferin hat mir mit einem Lächeln auf den Lippen und mit strahlenden Augen einen zweiten Laugenwecken verkauft.

Sehr gerne, danke.