Der letzte Schrei

19:56 Uhr – Früher war nicht alles besser. Zum Beispiel in folgender Situation: Acht junge Menschen haben sich nach einer durchtanzten Nacht in einem Augsburger Wohnzimmer versammelt, fast alle auf dem Sofa. Man redet über große Kunst. „Das Nachtcafé“ von van Gogh wird besprochen, „die Seerosen“ von Monet ebenso – und auch die blaue Phase von Picasso ist jedem Gesprächsteilnehmer ein Begriff. Dann kommt die Rede auf „Der Schrei“ von Edvard Munch. „Das steht im Moma in New York“, ist sich einer der Kunstaffinen sicher, schließlich hat er es dort schon bewundert. „Falsch“, meint ein Anderer. Schließlich hat er das Original ganz sicher in Norwegen bestaunt – letzten Sommer. „Quatsch, kann ja alles gar nicht sein“, zweifelt ein Dritter. Er habe im Kunstunterricht gelernt, dass das Bild geklaut wurde – und zwar schon mehrfach. Es hinge vielleicht im Bernsteinzimmer, aber sicher weder in New York noch in Oslo.

Früher hatte das zu Streit und Tränen oder zumindest zu Ratlosigkeit geführt. Heute gibt es Wikipedia und alle können glücklich sein (und Recht haben):

„Der Schrei“ ist der jeweilige Titel von vier nahezu identischen Gemälden des norwegischen Malers Edvard Munch, die zwischen 1893 und 1910 entstanden. Die Temperaversion von 1910 und die Pastellversion von 1893 werden im Munch-Museum Oslo, die Temperaversion von 1893 in der norwegischen Nationalgalerie ausgestellt. Die Pastellversion von 1895 befindet sich in Privatbesitz und wurde vom 24. Oktober 2012 bis zum 29. April 2013 im Museum of Modern Art in New York City gezeigt.
Am 12. Februar 1994 entwendeten Diebe die Temperaversion von 1893 aus der norwegischen Nationalgalerie. Am 22. August 2004 entwendeten maskierte Täter bei einem bewaffneten Raubüberfall auf das Munch-Museum die Temperaversion von 1910. Im Dezember 2006 gab das Munch-Museum bekannt, „Der Schrei“ sei durch die Folgen des Raubes derart zerstört worden, dass eine vollständige Restaurierung nicht möglich sei.

Bei einer Sache kann Wikipedia dann allerdings auch nicht helfen: Nämlich dabei, sich bei absoluter Kunst-Ahnungslosigkeit Bildtitel auszudenken, die so authentisch klingen, dass alle Gesprächsteilnehmer augenblicklich an die Existenz der erfundenen Werke glauben.

„Stillleben vor geschlossenem Fenster“ von Dalí und „Bildnis einer ganz normalen Frau“ von da Vinci sind aber auch echt Meisterwerke.

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