Niederschlag in Form von Schneeflocken

11:12 Uhr – Ich wollte es nur mal gesagt haben: Ich freue mich über den Schnee! Obwohl es in den letzten Tagen immer mal wieder ein bisschen geschneit hat, ist heute der erste Tag, an dem ich wirklich von Schnee sprechen will. Und auch jetzt im Moment rieselt er herrlich beruhigend in dicken Flocken vom graublauen Himmel herunter. Schön. Einfach schön.

So frischer Schnee bei ziemlich genau null Grad ist ja auch eine saubere Sache. Alles was der dreckige Herbst hinterlassen hat, wird einfach weiß überpudert. Die Natur ist in dieser Hinsicht ziemlich clever. Und ich verstehe nicht, warum ungefähr achtzig Prozent der mir bekannten Weltbevölkerung den Winter nicht mögen.

22:17 Uhr – Habe ich halt heute einfach mal mit Nepal telefoniert. Und so kam’s: Die eigentliche Geschichte war ein Telefoninterview mit einem Allgäuer Senner zum florierenden Onlinehandel mit Lebensmitteln. Der hat mir dann den Kontakt zu einem Käse-Kunden in Kathmandu hergestellt. Der Kunde ist ein inzwischen 75-jähriger, ehemaliger deutscher Manager. Nachdem er jahrzehntelang in Indien und China beschäftigt war, hat er sich mit 58 zum Ruhestand auf 1.400 Metern in Nepal niedergelassen. Dort hat er sich einen Olivenhain und eine Alpakaherde aufgebaut. Olivenöl made in Nepal. Ganz schön cool, wie ich finde. Ist aber wohl gar nicht so verrückt, weil dort sehr mediterranes Klima herrscht. Also nix mit ewigem Schnee, eisiger Kälte und schroffen Felsen. Da hab ich mir bisher irgendwie was anderes vorgestellt.

Aber zurück zur Geschichte mit dem Käse: Die zwei Kilo Emmentaler und Bergkäse, die der gute Mann ab und an bestellt, sind rund zwei Wochen von Hopferau im Ostallgäu nach Kathmandu unterwegs. Dabei würde der Käse an den Rändern etwas anschmelzen und darum auch nicht mehr so gut schmecken. Aber eben immer noch besser als gar kein Käse. Da sieht man auch gerne über die Versandkosten von ungefähr 100 Euro pro Paket hinweg, oder?

Movember

17:34 Uhr – Am letzten Wochenende habe ich gelernt, was der Movember ist. An sich ja eine gute Sache. Aber was soll’s – hier mein Beitrag zum Movember:

movember

Da ich der guten Sache natürlich nicht im Wege stehen will, werden die grafischen Werke aller Leser, die das obenstehende Foto um einen Schnurrbart/Oberlippenbart/Schnauzbart bereichern, an dieser Stelle veröffentlicht. Einfach per Mail an post[at]simon-fehr.de (und wehe da kommt nix!)

Karius und Baktus

10:50 Uhr – Nein, ist es wahrlich kein Grund stolz zu sein – das wiederum ist kein Grund, es nicht in einem Wort zum Tag aufzuarbeiten: Gestern hat der Zahnarzt bei mir Karies gefunden! Oben rechts, an dem Zahn der direkt nach dem Eckzahn kommt. Es war noch kein Loch da sondern nur oben dran ein bisschen schwarz, aber trotzdem – sowas ist mir bestimmt seit 10 Jahren nicht mehr ins Kaugebälk gekommen, und damit übertreibe ich vermutlich noch nicht mal. Damit ist allerdings leider auch die einstige Theorie eines anderen Zahnarztes widerlegt, das ich gegen Karies immun sein könnte. Schade. Es heißt also weiterhin fleißig Zähnchen putzen.

Außerdem erinnert mich die Geschichte an eine sehr schöne Kolumne von Jan Weiler im Stern, die ich leider auf die Schnell im Internet nicht finde und darum frei nacherzählen muss:

Jan Weiler war mit seinem Sohn Nick (Kindergartenalter) beim Zahnarzt, dort hat Nick in dem klassischen Karies & Baktus-Buch geblättert. Die Geschichte: Karies und Baktus, zwei witzige kleine Männchen, richten sich im Backenzahn eines Kindes häuslich ein. Sie führen dort ein beschauliches und glückliches Leben, bis der Zahnarzt (oder war es gar nur die Zahnbürste?) die beiden unsanft aus dem Kindermund schmeißt. Moral der Geschichte: Nick putzt fortan eine bestimmte Zone in seinem Mund nicht mehr, damit Karies und Baktus dort in Ruhe in einem Zahn wohnen können und nicht das schreckliche Schicksal aus dem Kinderbuch erleiden müssen.

 

Champions League-Abend

20:26 Uhr – Später Feierabend, einkaufen, kochen, essen, endlich mal wieder abspülen, Tagesschau gucken – und schon ist es kurz vor halb neun und damit nur noch eine gute viertel Stunde bis zum Anpfiff in Champions League. Dieser gefüllte Tag hat mir irgendwie das Vorgefühl für ein großartiges Fußballspiel genommen. Nicht die Vorfreude – aber das Gefühl, schon ab morgens nur noch freudig an dieses Spiel zu denken. Und das ist doch mit das Schönste an großen Fußballabenden. Darum verblödel ich jetzt nicht noch mehr wertvolle Minuten mit tippen sondern bereite mich noch fachmännisch auf das Spiel vor. Warmlaufen quasi.

Morgenstund hat Kot im Mund

7:21 Uhr – Ich habe einfach Rhythmus im Blut. Zumindest wenn ich fünf Tage lang um 6:32 aufgestanden bin. Da zählt es eigentlich schon als Ausschlafen, wenn man am sechsten Tag erst um kurz nach sieben aufwacht. Jetzt wo ich allerdings beschlossen habe, tatsächlich direkt aufzustehen und sehe, dass es draußen noch scheißdunkel ist, werd ich doch schlagartig wieder müde. Aber jetzt zieh ich das durch. Hab mir sowieso schon einen Tee gemacht. Manzanilla sabor miel von Mercadona natürlich – der Tee für besondere Tage. Gleich werd ich meinen acht Sachen packen und nach Leutkirch düsen. Dort habe ich mich nämlich für neun Uhr bei meinen Eltern zum Frühstück eingeladen.  Weil ich den Computer jetzt aber ohnehin schon anhab, hab ich eben noch einen Blick auf Facebook geworfen. Die Leute spinnen! Zehn meiner Facebook-Bekanntschaften sind um 7:28 Uhr schon am Netzwerken. Gut, die Hälfte davon lebt in einer anderen Zeitzone, von der ich im Moment nicht nachrechnen mag, ob Australien jetzt beispielsweise elf Stunden vor uns oder zwölf Stunden hinter uns liegt. Wäre auch blöd, sich da jetzt Gedanken zu machen. Heute Nacht verschiebt sich ja eh alles um eine Stunde. Und damit ihr jetzt auch noch einen Servicewert habt am Ende dieser sinnlosen Zeilen kommt hier meine Uhr-Umstell-Eselsbrücke:

Zum Sommer stellt man die Uhr vor – beides mit „o“. Zum Wünter stellt man die Uhr zurück – beides mit „ü“.

Anmerkung: Für alle, die zu früher Stunde noch nicht so fit sind wie ich, habe ich einige Sachen im Text fett markiert, damit auch ihr merkt, dass ich schon zu solchen Unzeiten in der Lage bin, komplizierte mathematische Zahlenfolgen in einen auf den ersten Blick banalen Kinderbuchtext einzubauen. Dan Brown schreibt schon an seinem nächsten Roman….

Wenn der Klempner dreimal klingelt

20:27 Uhr – Weil in Berlin gerade die Venus ist, hat bei mir heute der Klempner geklingelt. Den Zusammenhang lasse ich mir nicht streitig machen. Es war kurz nach Zwölf und ich war zuhause. Ich hatte mir nämlich extra für den Handwerker einen halben Tag frei genommen. Eigentlich, weil ich ihm nicht geglaubt hab, dass er wirklich zur angekündigten Zeit kommt. Man kennt ja diese Handwerker. Er war aber pünktlich und hat im Handumdrehen meine beiden Wasserzähler getauscht. Ich hatte also frei und einen kompletten sonnigen Nachmittag vor mir. Schön. Also hab ich mein Schlafzimmer verdunkelt und gepennt. Ein Erkältungsverbeugungspowernap sozusagen. Und meine Vorbereitung auf einen fulminanten Champions League Abend. Da kann es ja nicht schaden, wenn man schon ein bisschen vorgeschlafen hat.

4 6 -5 5 -4 4 3 6 7 -6 6 -6 6 5 4 4 4 5 5 5 5 5 -5 5 4

20:00 Uhr – Also die letzten beiden Stunden hätte ich nur sehr ungern über, unter oder neben mir gewohnt. Ich habe nämlich nach Jahren meine Mundharmonika mal wieder rausgekramt. Seit Wochen will ich mir nämlich schon das Intro von Heart of Gold draufpacken. Perfekt ist es noch nicht, aber ich finde, mit etwas Phantasie kann man es schon erkennen. Ich hoffe, dass meine Nachbarn das auch so sehen. Natürlich bin ich auch noch auf das ein oder andere andere mundharmonikataugliche Lied gestoßen. Und darum wäre ich jetzt unglaublich gerne in genau der Bar, in der Billy Joel 1973 das Video zu Piano Man gedreht hat. Mit genau den gleichen Menschen, der gleichen Ausstattung, der gleichen Musik, der gleichen verrauchten Luft und mit kühlem Härle Pils.

15:31 Uhr – Jetzt muss ich mich an diesem sonnigen Herbsttag grad mal selber loben. Und zwar war ich eben im Eiscafé gegenüber und habe mir ein Eis gegönnt. Weil dort nichts los war, musste ich mich schnell entscheiden. Zu meiner Kugel Bitterschokolade habe ich mir also spontan eine Kugel Málaga geordert. Das war ein spontaner Reflex, wahrscheinlich wegen der schönen Erinnerungen an diese Stadt. Ich hatte nämlich keine Ahnung, was Málaga als Geschmacksrichtung so sein könnte.

Ich habe geschleckt und festgehalten: Sehr weich, könnte was mit Eierlikör sein und es seien Weintrauben drin, vielleicht auch was mit Sherry (es gibt einen Zeugen für diese Aussagen!).

Auflösung Wikipedia: „Málaga-Eis ist ein Rahmeis auf der Basis von Sahne, Zucker und Eiern. Das Besondere dieser Eissorte ist die Zugabe von Rosinen, die zuvor in Málaga-Wein, einem süßen Dessertwein, eingelegt wurden.“

Ich würd mal sagen: Gar nicht so übel. Vielleicht sollte ich beruflich was in diese Richtung machen…

In acht Tagen um die Welt

11:22 Uhr – Ich lächle. Und ich habe Grund zu lächeln: Mir gegenüber steht eine interessante Person aus einer scheinbar anderen Welt. Obwohl der Dolmetscher nicht erschienen ist, haben wir eine gemeinsame Sprache gefunden, auf der wir uns unterhalten können. Und ich möchte meinen Gegenüber zum weitererzählen aufmuntern. Darum lächle ich. Auf einen Schlag wird mir bewusst, dass gerade nichts weniger angebracht wäre, als ein Lächeln. Mein Gegenüber erzählt nämlich von Völkermord, Bomben und toten Kindern. Mein Gegenüber heißt Amro und ist vor zwei Monaten mit seiner Familie aus Aleppo geflohen.

Aus Syrien hat er sich mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Kindern bis nach Istanbul durchgeschlagen. Dort hat er einem Schlepper 25.000 Dollar bezahlt, um in die EU zu kommen. Unglaublich viel Geld, für eine sichere Reise. Die Reise ist aber keineswegs sicher. Die Reise findet mit anderen Flüchtlingen eingepfercht im Laderaum eines Lastwagens statt. Ein kleines Loch in der Plane zum Atmen, ein Beutel zum Pinkeln und jede Nacht genau 15 Minuten Pause. Nach acht Tagen ist Amro in Deutschland, zig Grenzen haben die Flüchtlinge unentdeckt und unversehrt überquert. Es scheint wie ein Wunder. Über Auffangstationen in Trier und München kommt Amro mit seiner Familie nach Altusried. In die Asylbewerberunterkunft an der Hauptstraße. Direkt in der Kurve, zwischen Reisebüro, Apotheke und Feneberg-Supermarkt.

Es ist mir fast ein bisschen unangenehm, wie ich ihm mein Mikrofon unter die Nase halte und so tief in seine Geschichte eindringe. Bei jeder neuen Frage nehme ich das Mikrofon weg und gebe Amro die Möglichkeit, mit mir zu reden, ohne dass alles aufgezeichnet wird. Aber er will nicht nur mit mir sprechen, er möchte seine Geschichte bewusst ins Mikrofon erzählen. Er wartet jedes Mal, bis ich es ihm wieder vor den Mund halte, erst dann legt er los.

Turban-Händler auf einem großen Markt war er in Aleppo. Den Markt gibt es nicht mehr. Genau wie sein Haus, das Haus seiner Eltern, das Haus seines Bruders. Er hat unzählige Geschichten, von Bekannten, die einfach von Scharfschützen erschossen wurden. Die schlimmsten Dinge will mir Amro lieber nicht erzählen, er möchte selbst nicht mehr an alles denken, was er gesehen hat. Aber selbst die harmlosen übersteigen meine Vorstellungskraft. Seine kleine Tochter spielt derweil fröhlich mit einem alten Regenschirm, als ob sie noch nie ein schöneres Spielzeug gesehen hätte.

In Altusried werden die insgesamt 17 Asylbewerber von der Gemeinde, von der Caritas und von ehrenamtlichen Helfern versorgt. Sie haben ein Dach über dem Kopf, bekommen Kleidung und Nahrung, sogar ein bisschen Geld und Sprachunterricht. Das klingt ziemlich entspannt. Aber die 17 Asylbewerber teilen sich ein Haus, ein Bad, eine Küche. Und die 17 sind keine alten Freunde, sondern völlig verschiedene Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen, mit verschiedenen Koch- und Hygienevorstellungen und verschiedenen Sprachen.

Die fremden Sprache, die ärmliche Kleidung und die Tatsache, dass die Asylbewerber schlichtweg den ganzen Tag nichts tun, weil sie nichts tun dürfen, sorgen für das typische Bild, das schnell gezeichnet wird: Wirtschaftsflüchtlinge, Kleinkriminelle und Schmarotzer sind das, die von unseren Steuern leben und dann auch noch für Unruhe sorgen. Wenn man diese Menschen dann aber vor sich hat, bröckelt das Bild schnell dahin. Viele der Asylbewerber sind hoch gebildet und hatten in ihren Heimatländern angesehene und gute Berufe. Anders hätten sie den Schlepper auch gar nicht bezahlen können. Viele mussten außerdem wegen ihrer Religion oder ihrer Meinung fliehen und haben schon deshalb ein ziemliche tolerantes Weltbild.

Schon allein eine Unterhaltung mit einem Syrer, mit einem Nigerianer oder einem Pakistani ist spannend. Kann man in einem solchen Gespräch doch so viel über uns so fremde Ländern und Kulturen erfahren. Wenn diese Menschen dann aber auch noch irre Geschichten über die Zustände in den besagten Ländern und schier unglaubliche Berichte über ihre Flucht nach Deutschland im Repertoire haben, vergeht die Zeit wie im Fluge. Und nicht nur für mich als Zuhörer, sondern auch für die Erzähler. Alles erzählen zu können tut offensichtlich gut – und besiegt für ein paar Minuten die Langeweile im Asylbewerberheim.

Für Amro und seine Familie sieht alles nach einer Zukunft in Deutschland aus. Asylanträge von Syrern werden derzeit eigentlich alle bewilligt, wird mir von offizieller Seite gesagt. Bei den Zuständen im Land könne man einfach unmöglich jemanden zurückschicken. Klar wir das bei einer andere Anekdote von Amro: Als sie bereits in Deutschland waren, habe es einmal abends gewittert. Seine Kinder wären sofort aufgesprungen und unters Bett geflüchtet. „Was habt ihr?“, habe er gefragt. „Da sind wieder Bomben“, hätten die beiden Kleinen ängstlich geschrien. „Nein, hier gibt es keine Bomben“, sagt Amro und lächelt. Und dann darf ich auch wieder lächeln.