In acht Tagen um die Welt

11:22 Uhr – Ich lächle. Und ich habe Grund zu lächeln: Mir gegenüber steht eine interessante Person aus einer scheinbar anderen Welt. Obwohl der Dolmetscher nicht erschienen ist, haben wir eine gemeinsame Sprache gefunden, auf der wir uns unterhalten können. Und ich möchte meinen Gegenüber zum weitererzählen aufmuntern. Darum lächle ich. Auf einen Schlag wird mir bewusst, dass gerade nichts weniger angebracht wäre, als ein Lächeln. Mein Gegenüber erzählt nämlich von Völkermord, Bomben und toten Kindern. Mein Gegenüber heißt Amro und ist vor zwei Monaten mit seiner Familie aus Aleppo geflohen.

Aus Syrien hat er sich mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Kindern bis nach Istanbul durchgeschlagen. Dort hat er einem Schlepper 25.000 Dollar bezahlt, um in die EU zu kommen. Unglaublich viel Geld, für eine sichere Reise. Die Reise ist aber keineswegs sicher. Die Reise findet mit anderen Flüchtlingen eingepfercht im Laderaum eines Lastwagens statt. Ein kleines Loch in der Plane zum Atmen, ein Beutel zum Pinkeln und jede Nacht genau 15 Minuten Pause. Nach acht Tagen ist Amro in Deutschland, zig Grenzen haben die Flüchtlinge unentdeckt und unversehrt überquert. Es scheint wie ein Wunder. Über Auffangstationen in Trier und München kommt Amro mit seiner Familie nach Altusried. In die Asylbewerberunterkunft an der Hauptstraße. Direkt in der Kurve, zwischen Reisebüro, Apotheke und Feneberg-Supermarkt.

Es ist mir fast ein bisschen unangenehm, wie ich ihm mein Mikrofon unter die Nase halte und so tief in seine Geschichte eindringe. Bei jeder neuen Frage nehme ich das Mikrofon weg und gebe Amro die Möglichkeit, mit mir zu reden, ohne dass alles aufgezeichnet wird. Aber er will nicht nur mit mir sprechen, er möchte seine Geschichte bewusst ins Mikrofon erzählen. Er wartet jedes Mal, bis ich es ihm wieder vor den Mund halte, erst dann legt er los.

Turban-Händler auf einem großen Markt war er in Aleppo. Den Markt gibt es nicht mehr. Genau wie sein Haus, das Haus seiner Eltern, das Haus seines Bruders. Er hat unzählige Geschichten, von Bekannten, die einfach von Scharfschützen erschossen wurden. Die schlimmsten Dinge will mir Amro lieber nicht erzählen, er möchte selbst nicht mehr an alles denken, was er gesehen hat. Aber selbst die harmlosen übersteigen meine Vorstellungskraft. Seine kleine Tochter spielt derweil fröhlich mit einem alten Regenschirm, als ob sie noch nie ein schöneres Spielzeug gesehen hätte.

In Altusried werden die insgesamt 17 Asylbewerber von der Gemeinde, von der Caritas und von ehrenamtlichen Helfern versorgt. Sie haben ein Dach über dem Kopf, bekommen Kleidung und Nahrung, sogar ein bisschen Geld und Sprachunterricht. Das klingt ziemlich entspannt. Aber die 17 Asylbewerber teilen sich ein Haus, ein Bad, eine Küche. Und die 17 sind keine alten Freunde, sondern völlig verschiedene Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen, mit verschiedenen Koch- und Hygienevorstellungen und verschiedenen Sprachen.

Die fremden Sprache, die ärmliche Kleidung und die Tatsache, dass die Asylbewerber schlichtweg den ganzen Tag nichts tun, weil sie nichts tun dürfen, sorgen für das typische Bild, das schnell gezeichnet wird: Wirtschaftsflüchtlinge, Kleinkriminelle und Schmarotzer sind das, die von unseren Steuern leben und dann auch noch für Unruhe sorgen. Wenn man diese Menschen dann aber vor sich hat, bröckelt das Bild schnell dahin. Viele der Asylbewerber sind hoch gebildet und hatten in ihren Heimatländern angesehene und gute Berufe. Anders hätten sie den Schlepper auch gar nicht bezahlen können. Viele mussten außerdem wegen ihrer Religion oder ihrer Meinung fliehen und haben schon deshalb ein ziemliche tolerantes Weltbild.

Schon allein eine Unterhaltung mit einem Syrer, mit einem Nigerianer oder einem Pakistani ist spannend. Kann man in einem solchen Gespräch doch so viel über uns so fremde Ländern und Kulturen erfahren. Wenn diese Menschen dann aber auch noch irre Geschichten über die Zustände in den besagten Ländern und schier unglaubliche Berichte über ihre Flucht nach Deutschland im Repertoire haben, vergeht die Zeit wie im Fluge. Und nicht nur für mich als Zuhörer, sondern auch für die Erzähler. Alles erzählen zu können tut offensichtlich gut – und besiegt für ein paar Minuten die Langeweile im Asylbewerberheim.

Für Amro und seine Familie sieht alles nach einer Zukunft in Deutschland aus. Asylanträge von Syrern werden derzeit eigentlich alle bewilligt, wird mir von offizieller Seite gesagt. Bei den Zuständen im Land könne man einfach unmöglich jemanden zurückschicken. Klar wir das bei einer andere Anekdote von Amro: Als sie bereits in Deutschland waren, habe es einmal abends gewittert. Seine Kinder wären sofort aufgesprungen und unters Bett geflüchtet. „Was habt ihr?“, habe er gefragt. „Da sind wieder Bomben“, hätten die beiden Kleinen ängstlich geschrien. „Nein, hier gibt es keine Bomben“, sagt Amro und lächelt. Und dann darf ich auch wieder lächeln.

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