20:14 Uhr – Beim heutigen WM-Song spielt das Video überhaupt keine Rolle. Echt nicht. Ohne Witz. Das Video ist nämlich viel zu klischeedurchsetzt und sexistisch. Wer sich den Text anhört, wird auch schnell merken, dass es wirklich um das Gastgeberland und Fußball geht und nur wenig um wackelnde Brüste. Ähäm. Der WM-Song der Vengaboys hört sich zumindest in meinen lateinamerikaunerfahrenen Ohren nach südamerikanischer Party an. Kein Wunder, in Sachen Urlaubsmusik sind die ollen Eurodancer ja sehr erfahren. Geht auf jeden Fall ins Ohr, daraus könnte was werden. Und jetzt Bildschirm aus, nicht die Boxen! Wobei es schon auch faszinierend ist, was man so alles auf Brustwarzen kleben kann.

20:14 Uhr – Gab es schon mal einen Fußballsong von Fettes Brot? Ich kann mich nicht erinnern. Bisher waren im Hip-Hop-Bereich meines Wissens nur Blumentopf mit ihren grandiosen Raportagen zur EM 2012 musikalisch aktiv. Jetzt also die alten Haudegen von Fettes Brot, die in den letzten Jahrzehnten ja schon für den ein oder anderen fußballfernen Klassiker gesorgt haben. In ihrem WM-Song berappen sie den Fußballgott. Das finde ich mal eine kreative Herangehensweise, auch wenn es vermutlich kein WM-Party-Hit werden wird.

20:14 Uhr – So, noch eine Woche bis zur Fußballweltmeisterschaft in Brasilien. Höchste Eisenbahn also, dass ich mich um das Fußball Thema kümmere. Nun verbindet so ein Fußballturnier ja die Länder der Welt, zumindest die 32, die dabei sein dürfen. Auch Musik ist eine Sache, die manchmal Völker verbindet. Leider sind der offizielle WM-Song und die offizielle WM-Hymne meiner Meinung nach nicht gerade der Burner. Ein Coca-Cola-Hit ist mir bisher nicht über den Weg gelaufen. Darum werde ich mich in den verbleibenden Tagen bis zum Eröffnungsspiel mal ein bisschen nach inoffiziellen Fußballliedern zur Weltmeisterschaft umhören. Und das erste absolute Highlight ist heute dran.

Fast hätte ich Fritz aus Thüringen schon vergessen. Diesen witzigen jungen Herrn mit Rudi-Völler-Gedenk-Frisur (ohne Schnauzer), der vor geschätzten zwei Jahren mit seinem Schlager über Thüringer Klöße die Herzen der gesamtdeutschen Gourmetbevölkerung im Sturmlauf erobert hat. Das tiefgründige Lied konnte Fritz damals erfolgreich mit einem Videoclip untermalen, in dem seine miserablen Schauspielkünste zur Geltung kommen. Und sagen wir so: Er knüpft frisur-, musik- und schauspieltechnisch genau am Klöße-Schlager an. Nur diesmal geht es um Fußball. Man sollte das Gesamtkunstwerk auf jeden Fall gesehen haben, finde ich. Ob der junge Musikus damit allerdings der dritte deutsche Weltmeister wird, der auf den Namen Fritz hört, lasse ich mal dahingestellt.

Begegnungen im Wasser

Und plötzlich ist er weg. Abgetaucht. Vom See verschluckt.

10:59 Uhr – Noch vor wenigen Sekunden hast du überlegt, wie du ihm aus dem Weg gehen kannst, eine sichere Kollision vermeiden. Du bist in Richtung der Leiter am Ufer geschwommen, er parallel zum Ufer. Eure Züge hätten sich zwangläufig gekreuzt.

Doch plötzlich war er weg. Und er taucht nicht mehr auf.

Das trübe Seewasser um dich herum fühlt sich auf einen Schlag viel kälter an, erst jetzt fallen dir die Wellen auf, die der Wind an die Wasseroberfläche bläst. Der Himmel zieht mit einem Mal zu, dunkle Wolken stehen jetzt über dem Gewässer. Leichte Panik kommt in dir auf. Er ist abgetaucht und seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr an der Oberfläche erschienen. Du hast keine Angst, dass er ertrunken sein könnte. Nein. Vielmehr bedrückt dich der Gedanke, dass er auf dich zu taucht. Sich im Schutz des trüben Wassers schnell nähert. Dass er dich von unten angreift. Du stellst deine Schwimmbewegungen ein und fuchtelst mit den Armen wild unter deinem Körper. Erkennen kannst du in der Tiefe nichts, aber einen möglichen Angriff kannst du vielleicht mit deinen Armen abwehren.

Doch es passiert nichts.

Kein Angriff, kein Auftauchen.

Du erreichst die rettende Leiter und ziehst dich mit letzten Kräften ans sichere Ufer. Leichter Wind auf deiner nassen Haut. Keine Sonne. Nur Kälte. Dein Puls rast, dein Herz klopft. Das kommt vom kalten Wasser, redest du dir ein. Dein Blick sucht den See ab. Die Oberfläche sieht jetzt ruhig und eben aus.

Dann hörst du ein hämisches Schnarren.

Und Niveau ist halt doch eine Handcreme

17:51 Uhr – Okay, die kulturelle Vielfalt bei Veranstaltungen ist in einem ländlichen Raum wie dem württembergischen Allgäu vielleicht nicht unbedingt zu erwarten. Aber wohin die Wochenendbespaßung der jungen Bevölkerung hier immer mehr abdriftet, ist schon erstaunlich bis besorgniserregend. Ich bin mir sicher, dass Viele beispielsweise bei einer ganz besonderen Party am morgigen Abend einen Heidenspaß haben werden. Trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob ich Veranstaltungen für gut heißen soll, die mit solchen Höhepunkten locken:

>>> Specials <<<
? Ficken Welcome-Shot für alle über 18
? Ficken Promoteam mit eigenem Stand
? Heiße Gogo – Tänzerinnen
? LED Roboter mit eigener Show

>>> Getränke Specials <<<
? Ficken auf Koks
? Moloko, die Alternative zu Energy Drinks
? Hugo / verschiedene Fruchtsekte
? Leibinger Fassbrause Lemon/Birne
? Leckere Cocktails in verschiedenen Sorten mit und ohne Alkohol

Ein Ficken Welcome-Shot schmeckt auf jeden Fall alles andere als gut und wäre für mich höchstens in der Kombination mit drei Willkommensbier erträglich. Auch die wohl als komisch eingeschätzte Marketingstrategie mit der Frage nach dem „Ficken?“ dürfte inzwischen im letzten Dörfchen angekommen und hoffentlich verpufft sein. Vermutlich gibt es aber an der Bar für die Dame von heute auch „Kalte Muschi“ (ehemals bekannt als „Korea“). Dass besagtes zuckersüßtes Likörgetränk Ficken sogar mit einem ganzen Promoteam samt eigenem Stand anreist hört sich nach blankem Horror an. Schreit nach systematischem Abfüllen der minderjährigen weiblichen Landbevölkerung oder nach ziemlich aufdringlichen Promo-Mädels. Beides Geschmackssache. Apropos Geschmackssache. Beim Thema „heiße Gogo-Tänzerinnen“ muss die Lokalität der Veranstaltung erwähnt werden: Freigelände am Reitplatz Urlau. Genug zur voraussichtlichen Qualität der Tänzerinnen gesagt. Wäre jetzt August, würde ich fast noch auf einen Miss-Wet-T-Shirt-Contest tippen (aka „wir suchen die besoffenste dicke Partybesucherin“). Mit den vielen Mädels sind die männlichen Gäste also befriedigt. Sollte man meinen, dass nun was für die Damen kommt. Ein LED Roboter mit eigener Show hört sich für mich aber schon wieder eher nach so einem Männerding an. Was auch immer das verrücktes sein mag – man stelle sich noch vor, das Ding wäre auch noch ein Produkt der Fendt-Forschung. Nicht auszumalen.

Obwohl es sich bei den normalen Specials schon zur Hälfte um Alkohol handelt, dürfen natürlich Getränke Specials trotzdem nicht fehlen. „Ficken auf Koks“ ist ein nettes Drogen-Geschlechtsverkehr-Wortspiel, auf das die Jugend rund um Urlau sicher anspringen wird. Endlich mal Koks statt Schnupftabak. Das Getränk, so könnte ich mir vorstellen, könnte eine Mischung aus Kokosmilch beziehungsweise Piña Colada und besagtem johannisbeerlikörähnlichen Ficken sein. Wenn das mal keinen Zuckerschock gibt. Aber vermutlich eher doch nicht, denn in Abwandlung der erwiesenen Behauptung „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“ wird wohl der Umsatz an der Colaweizeninsel allen Getränkespecials zu trotz wieder rekordverdächtig sein. Klar, dass auch ein szeniger, überteuerter Energiedrink mit im Angebot sein muss. Moloko also. Von mir aus. Hugo, verschiedene Fruchtsekte und Leibinger Fassbrause. Ich weiß ja nicht, wer sowas trinkt, aber man kann es ja mal anbieten. Bayer will ja auch weiterhin Aspirin verkaufen. Das mit den alkoholfreien Cocktails ist natürlich auch ein netter Versuch. Aber nochmal zur Erinnerung: Veranstaltungsort ist der Reitplatz in Urlau. Is klar, ne?

Nun gut, ich bin mir immerhin ziemlich sicher, dass es auch stinknormales Bier gibt. Selbst wenn ich dann ein solches in der Hand halten sollte – wohltemperiert und feinherb im Abgang – sind die angekündigten Musikrichtungen (House, Electro, Dirty Dutch, EDM, Progressive, Dance, Charts, Hip Hop, RNB und Black) nicht unbedingt meins. Aber da sind die Geschmäcker ja bekanntlich auch verschieden, und wer weiß, das ganz junge zahlungsfähige Publikum wippt dazu vielleicht sogar im Takt. Genau so stark eben, dass der „Ficken auf Koks“ nicht überschwappt. Oder halt doch der Colaweizen.

So, jetzt aber Spaß bei Seite. Ich gebe zu, im soeben gelesenen Kommentar zur „1. Leutkircher Partynacht“ schwingt vielleicht eine etwas negative Grundhaltung gegenüber der Veranstaltung mit. Das tut mir leid. Darum lasst uns dem Spektakel eine Chance geben. Lasst uns frohen Mutes dort hingehen, die Urlauer Nacht zum Tage machen und jede Menge Spaß auf dem Reitplatz haben. Also schnell die Facebook-Veranstaltung anklicken und euer Kommen ankündigen. Simon is going!

(Anmelden kann man sich ja mal. Zur Not können wir ja klangheimlich auf ein stinknormales Bier in eine innerstädtische Kneipe gehen. Aber hey: pssst!)

Erfrischung mit Schweizer Akzent

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13:21 Uhr – Wenn es seit Stunden unaufhörlich herniederprasselt wie einst am 4. Juli 1954 in Bern, dann ist es besonders angenehm, sich an den kurzen Ausflug nach Zürich am letzten Wochenende zu erinnern. Da war nämlich durchgängig allerfeinstes Sommerwetter. So sommerlich, dass wir nach einer Mittagspause bei Rivella und frischem Obst ziemlich bald in einer äußerst malerischen und am Wasser gelegenen Lokalität beim ein oder anderen kühlen Quöllfrisch verhockt sind. Genaugenommen solange, dass es sich dann auch nicht mehr gelohnt hätte, nochmal in unser Domizil zurückzukehren. Aber was soll’s, bei allerfeinstem Sommerwetter kann man auch mal eine schweizer Nacht im T-Shirt verbringen und das als Grillgut geplante Knoblauchsteak am Sonntag zum Frühstück vernaschen. Schön war’s! Lecker isch’s gsi!

 

14:15 Uhr – Es ist ein Wettkampf gegen die Uhr. Ich sitze jetzt tatsächlich mit meinem Laptop im Fernbus von Memmingen nach Zürich, und tatsächlich gibt es hier auch WLAN. Allerdings wohl nur in Deutschland. Und Von Memmingen aus ist man bekanntlich ziemlich bald in Österreich, ich muss mich also sputen. Übrigens reise ich erst zum zweiten Mal innerhalb von Deutschland mit dem Fernbus, die Premiere war vor einigen Jahren eine Fahrt nach Berlin. Damals war das noch die Ausnahme, ansonsten war ja gesetzliches Zugfahren angesagt. Nun also mal wieder im Reisebus auf deutscher Autobahn. Und das Prozedere hier gefällt mir sehr gut. Die Deutschen sind halt noch um ihre Busfahrgäste bemüht, nicht wie in anderen Ländern, in denen die Bevölkerung das schon kennt. Hier gibt es extra eine Dame am Abfahr-Steig, die die Fahrgäste einsammelt. In Spanien, wo Busfahren weitaus häufiger aber weniger gut organisiert ist, gibt es sowas nicht. Dann heißt es selber den richtigen Bus suchen. Hier wäre das sicher auch ohne Hilfe machbar gewesen. Schließlich gibt es am Allgäu Airport Memmingen nur eine Bushaltestelle. Ausfahrt Aitrach. Die Schweizer Grenze näherte sich unaufhaltsam. Das heißt, dass ich langsam anfangen muss, meinen Saitenwurst- und Debrezinervorrat aufzuessen. Die zulässige Fleischmenge zur Einfuhr in die Schweiz lagert nämlich bereits in Form von 520 Gramm Knoblauchsteak in meinem Rucksack. Und es wäre ja zu schade, wenn die Eidgenossen mich wegen einem Paar Saiten und einem Zungenwurstwecken nicht einreisen lassen würden.

Business as unusual

SAMSUNG CAMERA PICTURESKultur12:17 Uhr – Das ist aber auch ein Reisestress in diesen Tagen. Vergangenes Wochenende quasi ein Wellness-Wochenende in Maierhöfen, direkt in unberührter Natur am Eisbach, fernab von jeder Zivilisation. Am Montag dann sofort das komplette Kontrastprogramm, ab in die zivilisierteste aller Zivilisationen in die Universitätsstadt unter den Universitätsstädten: Marburg. Acht Stunden Autofahrt nach Mittelhessen für drei Stunden Altstadtbummel. Aber es hat sich gelohnt, ist echt nett da. Nur etwas bergig – wäre gut gewesen, den Aufzug hoch in die Altstadt nicht erst am Ende des Tages zu entdecken. Und damit die Reisewoche einen passenden Ausklang findet, setzte ich mich jetzt gleich in den Fernbus nach Zürich. Mit einem halben Kilo rohem Fleisch im Gepäck. Mehr darf man in die Schweiz nicht einführen, und Grillgut soll dort außerordentlich teuer sein (und alles andere auch). Und wenn das mit dem versprochenen WLAN im Bus klappt, melde ich mich von dort wieder. Ein On-The-Road-Wort-zum-Tag, das wär doch was.

Ein Hoch auf die amerikanische Servicekultur

12:09 Uhr – Wer mehr Freizeit hat als üblich, fängt an zu hinterfragen, zu meckern und sich zu beschweren. Also habe ich das jetzt auch mal gemacht. Und zwar beim amerikanischen Jeanshersteller Levi’s. Eine Hose dieser Marke habe ich mir nämlich im Dezember 2012 im Kaufhaus Macy’s in New York gekauft. Sie hat sich seitdem zu meiner Lieblingshose entwickelt, was ihren Stoff (wie bei all meinen Lieblingshosen) schnell dünner und dünner werden lässt. Vor sie demnächst ganz kaputt ist, muss also Ersatz her. Das kommt natürlich nicht überraschend, darum suche ich schon seit rund einem Jahr nach dem Levi’s Modell mit der Nummer 505. Egal wo ich bin, ich gehe in Bekleidungsgeschäfte und sehe mich nach der Levi’s 505 um. Aber egal ob Deutschland, Österreich oder Spanien: Fehlanzeige. Im Internet ist sie vereinzelt zu finden, dann aber zu absurden Preisen und in noch absurderen Größen. Frustrierend.

Also habe ich den Levi’s Support angeschrieben und mich erkundigt, was das eigentlich soll und ob es mein Lieblingsmodell überhaupt noch gibt. Und ich bin begeistert von der amerikanischen Dienstleistungsgesellschaft. Innerhalb von weniger als 6 Stunden (und das bei einer Zeitverschiebung von mehr als 6 Stunden!) hatte ich eine Antwort in meinem Posteingang. Die Antwort selbst ist allerdings weit weniger erfreulich: „The 505 is an US model which it is not produced for Europe.“ Trotzdem hat es sich die Supportdame nicht nehmen lassen, mir gleich auch noch zwei Links zu Onlineshops zu mailen, in denen es die 505 auch in Europa gibt (aber zu absurden Preisen und in noch absurderen Größen). Natürlich wäre es mir lieber gewesen, wenn sie mir einfach so eine blöde Jeans geschickt hätte. Aber da es in dieser Richtung nicht funktioniert, sehe ich es schon kommen: Ich muss bald mal wieder nach Amerika. Und dann kauf ich mir gleich einen 505er Vorrat, dass kann ich euch sagen.

Gschnaidt

11:59 Uhr – Da ich weiß, dass ich in Sachen Heimatkunde etwas Nachholbedarf habe, überrascht es mich nicht, dass es für mich in nächster Nähe noch einiges zu entdecken gibt (was alle anderen vermutlich längst kennen und totlangweilig finden). Gestern habe ich das Gschnaidt besucht, einen sehr kleinen Weiler bei Frauenzell. Oben stehen zwei kleine Wallfahrtskapellen und direkt daneben auf einer Waldeslichtung hunderte von Holzkreuzen. Die Sterbekreuze werden dort oben aufgestellt, wenn sie auf dem Friedhof nicht mehr gebraucht werden, weil der Grabstein fertig ist. Und in dieser Maße an diesem ruhigen Ort (und dann noch bei Regenwetter) sind sie echt beindruckend, wenn auch etwas makaber.

Beeindruckend ist auch der Wirt des Gasthauses zum Kreuz auf dem Gschnaidt. Obwohl ich nur ungefähr 10 Kilometer Luftlinie von dort das Sprechen gelernt habe, hatte ich anfangs Probleme, ihn zu verstehen. Scheint ein richtiger Eingeborener zu sein. Nach kurzen Anlaufschwierigkeiten kamen wir dann aber gut miteinander klar, was auch an der hervorragenden Vesperplatte gelegen haben mag.

An dieser Stelle würde jetzt eigentlich ein Aufruf stehen, schleunigst mal aufs Gschnaidt zu gehen. Aber ich weiß ja, dass ihr bestimmt alle schon dort gewesen seid.