Und Niveau ist halt doch eine Handcreme

17:51 Uhr – Okay, die kulturelle Vielfalt bei Veranstaltungen ist in einem ländlichen Raum wie dem württembergischen Allgäu vielleicht nicht unbedingt zu erwarten. Aber wohin die Wochenendbespaßung der jungen Bevölkerung hier immer mehr abdriftet, ist schon erstaunlich bis besorgniserregend. Ich bin mir sicher, dass Viele beispielsweise bei einer ganz besonderen Party am morgigen Abend einen Heidenspaß haben werden. Trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob ich Veranstaltungen für gut heißen soll, die mit solchen Höhepunkten locken:

>>> Specials <<<
? Ficken Welcome-Shot für alle über 18
? Ficken Promoteam mit eigenem Stand
? Heiße Gogo – Tänzerinnen
? LED Roboter mit eigener Show

>>> Getränke Specials <<<
? Ficken auf Koks
? Moloko, die Alternative zu Energy Drinks
? Hugo / verschiedene Fruchtsekte
? Leibinger Fassbrause Lemon/Birne
? Leckere Cocktails in verschiedenen Sorten mit und ohne Alkohol

Ein Ficken Welcome-Shot schmeckt auf jeden Fall alles andere als gut und wäre für mich höchstens in der Kombination mit drei Willkommensbier erträglich. Auch die wohl als komisch eingeschätzte Marketingstrategie mit der Frage nach dem „Ficken?“ dürfte inzwischen im letzten Dörfchen angekommen und hoffentlich verpufft sein. Vermutlich gibt es aber an der Bar für die Dame von heute auch „Kalte Muschi“ (ehemals bekannt als „Korea“). Dass besagtes zuckersüßtes Likörgetränk Ficken sogar mit einem ganzen Promoteam samt eigenem Stand anreist hört sich nach blankem Horror an. Schreit nach systematischem Abfüllen der minderjährigen weiblichen Landbevölkerung oder nach ziemlich aufdringlichen Promo-Mädels. Beides Geschmackssache. Apropos Geschmackssache. Beim Thema „heiße Gogo-Tänzerinnen“ muss die Lokalität der Veranstaltung erwähnt werden: Freigelände am Reitplatz Urlau. Genug zur voraussichtlichen Qualität der Tänzerinnen gesagt. Wäre jetzt August, würde ich fast noch auf einen Miss-Wet-T-Shirt-Contest tippen (aka „wir suchen die besoffenste dicke Partybesucherin“). Mit den vielen Mädels sind die männlichen Gäste also befriedigt. Sollte man meinen, dass nun was für die Damen kommt. Ein LED Roboter mit eigener Show hört sich für mich aber schon wieder eher nach so einem Männerding an. Was auch immer das verrücktes sein mag – man stelle sich noch vor, das Ding wäre auch noch ein Produkt der Fendt-Forschung. Nicht auszumalen.

Obwohl es sich bei den normalen Specials schon zur Hälfte um Alkohol handelt, dürfen natürlich Getränke Specials trotzdem nicht fehlen. „Ficken auf Koks“ ist ein nettes Drogen-Geschlechtsverkehr-Wortspiel, auf das die Jugend rund um Urlau sicher anspringen wird. Endlich mal Koks statt Schnupftabak. Das Getränk, so könnte ich mir vorstellen, könnte eine Mischung aus Kokosmilch beziehungsweise Piña Colada und besagtem johannisbeerlikörähnlichen Ficken sein. Wenn das mal keinen Zuckerschock gibt. Aber vermutlich eher doch nicht, denn in Abwandlung der erwiesenen Behauptung „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“ wird wohl der Umsatz an der Colaweizeninsel allen Getränkespecials zu trotz wieder rekordverdächtig sein. Klar, dass auch ein szeniger, überteuerter Energiedrink mit im Angebot sein muss. Moloko also. Von mir aus. Hugo, verschiedene Fruchtsekte und Leibinger Fassbrause. Ich weiß ja nicht, wer sowas trinkt, aber man kann es ja mal anbieten. Bayer will ja auch weiterhin Aspirin verkaufen. Das mit den alkoholfreien Cocktails ist natürlich auch ein netter Versuch. Aber nochmal zur Erinnerung: Veranstaltungsort ist der Reitplatz in Urlau. Is klar, ne?

Nun gut, ich bin mir immerhin ziemlich sicher, dass es auch stinknormales Bier gibt. Selbst wenn ich dann ein solches in der Hand halten sollte – wohltemperiert und feinherb im Abgang – sind die angekündigten Musikrichtungen (House, Electro, Dirty Dutch, EDM, Progressive, Dance, Charts, Hip Hop, RNB und Black) nicht unbedingt meins. Aber da sind die Geschmäcker ja bekanntlich auch verschieden, und wer weiß, das ganz junge zahlungsfähige Publikum wippt dazu vielleicht sogar im Takt. Genau so stark eben, dass der „Ficken auf Koks“ nicht überschwappt. Oder halt doch der Colaweizen.

So, jetzt aber Spaß bei Seite. Ich gebe zu, im soeben gelesenen Kommentar zur „1. Leutkircher Partynacht“ schwingt vielleicht eine etwas negative Grundhaltung gegenüber der Veranstaltung mit. Das tut mir leid. Darum lasst uns dem Spektakel eine Chance geben. Lasst uns frohen Mutes dort hingehen, die Urlauer Nacht zum Tage machen und jede Menge Spaß auf dem Reitplatz haben. Also schnell die Facebook-Veranstaltung anklicken und euer Kommen ankündigen. Simon is going!

(Anmelden kann man sich ja mal. Zur Not können wir ja klangheimlich auf ein stinknormales Bier in eine innerstädtische Kneipe gehen. Aber hey: pssst!)

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