Business as usual

22:07 Uhr – Dafür, dass ich momentan eigentlich sehr wenig Business mache, jette ich in den letzten Tagen ganz schön um die Welt. Heute werde ich in der vierten Nacht seit Samstag im dritten Hotel einschlummern. Das kommt mir ganz schön verrückt vor. Zumal mein aktuelles Hotelzimmer maximal einen Kilometer Luftlinie von der der Adresse entfernt liegt, an der ich offiziell gemeldet bin.

Wie kommt‘s? Am Wochenende hat mich der erste Junggesellenabschied meines Lebens in die Fränkische Schweiz geführt. Dort stand neben einer Brauereiwanderung und Kanufahren eben auch eine Übernachtung an. Die Unterkunft lässt sich zwar eher als Jugendherberge denn als Hotel bezeichnen, aber damit sich das etwas businessmäßiger anhört, will ich mal im Bilde des Hotels bleiben. Danach für zwei Tage zurück nach Aalen, wo ich ja momentan auch noch im Hotel wohne. Heute und morgen werde ich in Ravensburg weitergebildet – und auch hier muss ich in einem minikleinen und überhitzten Hotelzimmer (Hotel Storchen, pfui!) schlafen.

Morgen fahre ich dann nach einer Stippvisite in Leutkirch wieder nach Aalen, am Donnerstag geht’s nach Ellwangen und am Freitag dann wieder ins Allgäu zum allseits beliebten Heimat- und Kinderfest. Und dann wird auch wieder richtig viel Business gemacht.

19:06 Uhr – Ja, ich habe recherchiert. Das Wort „Betretungsverbot“ scheint im Juristendeutsch tatsächlich geläufig zu sein. Nichts desto trotz: Ob man das am Freibad am Bucher Stausee so beschildern muss, ist fraglich. Aber stark.

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Fehr'sche Talentschmiede

22:55 Uhr – Für den örtlichen Fußballverein bedeutet es selten etwas Gutes, wenn sich mein Zuzug in die Stadt anbahnt. Der 1. FC Köln musste einst in die zweite Liga, Hercules Alicante ebenfalls, den FC Kempten hat es bis in die Bedeutungslosigkeit gespült und der VfR Aalen ist pünktlich zu meiner Ankunft in der Dritten Liga gelandet (vielleicht zieh ich bald mal nach München…). Aber das ist ja immerhin noch Profifußball. Als fußballinteressierter Neubürger bin ich deshalb am Samstagvormittag zur offiziellen Mannschaftspräsentation gegangen. Dort dann die doch ganz schön große Überraschung: Wird dort tatsächlich als Neuzugang mit der Rückennummer fünf ein gewisser Fabian Menig vorgestellt. Vom SC Freiburg kommender junger Abwehrspieler. Und zu Schulzeiten einer meiner Schützlinge aus der Fußball-AG. Zum einen freut mich natürlich, dass es tatsächlich einer dieser chaotischen Jungs in den bezahlten Fußball geschafft hat (ich weiß, mein Anteil daran liegt ungefähr bei unter null), zum anderen finde ich es aber einfach mal wieder extrem witzig, wie klein die Welt ist. Da sich die VfR-Begeisterung und die Professionalität in Aalen in Grenzen hält – oder um es anders auszudrücken: Der Verein sehr volksnahe ist – konnten wir dann auch direkt ein kleines Schwätzchen halten. Am Abend habe ich mir dann noch den Testkick gegen die 2. Mannschaft des FC Augsburg angeschaut. Ich denke, ich muss jetzt im nächsten halben Jahr ein bisschen VfR-Fan werden. Die haben auch echt ganz schöne Trikots. Nur die goldenen Rückennummern stören mich etwas.

22:36 Uhr – Ostalb also. Seit einer knappen Woche bin ich jetzt in Aalen, die ersten fünf Arbeitstage sind geschafft. Über den neuen Job kann ich noch gar nicht so sehr viel sagen. Aber in Aalen habe ich mich direkt ein bisschen verliebt. Angereist bin ich ja mit sehr niedrigen Erwartungen (und einer defekten Lichtmaschine) – die haben sich nicht bestätigt. Aalen ist wirklich sehr schön und sehr lebhaft – und zeigt sich derzeit natürlich auch von seiner Schokoladenseite: Traumhaftes Wetter, darum ein gut bevölkertes und gut bewirtetes Zentrum – und ich wohne mitten in der Altstadt. Auch die Einheimischen, vor denen ich so eindringlich und oft gewarnt wurde, scheinen mir nach den ersten Kontakten gar nicht so schlimm zu sein. Also mal nicht schlimmer als die Oberschwaben.

Nachtschicht

21:48 Uhr – Ich habe es ja im letzten Eintrag schon angeschnitten: Ich habe eine kurzzeitige Karriere als Zeitungsausträger gestartet. Von letztem Mittwoch bis heute habe ich jede Nacht auf dem sogenannten Bierbuckeln in Ravensburg rund 200 Tageszeitungen verteilt. Nachdem ich jetzt fast sechs Monate in der Zustelllogistik gearbeitet habe, hatte ich einfach das Bedürfnis, auch mal den Job draußen auf der Straße kennenzulernen, über den wir im Büro den ganzen Tag reden und bestimmen. Dazu kam auch die Lust, mal wieder eine Herausforderung der ganz anderen Art zu suchen.

n8schichtDie scheinbar größte Herausforderung, das frühe Aufstehen, hat mir dann gar nicht so viel ausgemacht. Arbeitsbeginn war zwischen zwei und drei Uhr, in den kommenden Stunden habe ich dann rund 10 Kilometer mit dem Auto und rund 6 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Bei ziemlicher Hanglage war das ein gutes Frühsportprogramm – immer mit ein paar Kilo Zeitungen unter dem Arm und mit der Stirnleuchte auf der Suche nach den richtigen Hausnummern. Das Arbeiten in den Tag hinein hat schon was. Gerade diese melancholische Zeit, wenn es schon hell ist aber die Sonne noch nicht aufgegangen ist, wenn die Welt langsam zu Leben erwacht, mag ich schon immer gerne (auch wenn ich sie bisher eigentlich nur vom Heimweg kannte). Und um sechs Uhr morgens schon richtig was geleistet zu haben ist ein sehr erhabenes Gefühl. Wenn man dann noch vor dem letzten Briefkasten von einem fröhlichen Hausferkel begrüßt wird, ist die Welt in Ordnung.

Zu sagen, dass der Job intellektuell sehr anspruchsvoll ist, wäre sicherlich übertrieben. Aber ohne mitdenken geht es nicht. Natürlich fällt das Mitdenken leichter, wenn man sein Gebiet gut kennt. Aber am Anfang muss man sehr aufpassen, dass mein kein Haus vergisst und nicht in falsche Briefkästen steckt. Ich habe hier durchaus ein paar Reklamationen eingesammelt. Dabei fand ich die Reklamationen, die dann am Vormittag eingetrudelt sind, gar nicht so schlimm. Viel schlimmer ist dieser Moment um kurz vor sechs Uhr, wenn man seinen Fehler selbst bemerkt, weil man eine Zeitung übrig hat oder keine Zeitung mehr fürs letzte Haus übrig ist. Man steht da, hat etwas verbockt und kann es weder nachvollziehen noch gerade biegen. Diese selbstverschuldete, hilflose Situation hat mich zugegebenermaßen etwas belastet.

Seit heute 5:50 Uhr ist mein Abenteuer als Zusteller wieder beendet. Traurig bin ich nicht darüber, auch wenn ich den Job schon noch ein paar Tage hätte machen können. Viel mehr bin ich ein bisschen stolz, dass ich mich aufgerafft und freiwillig für den Job gemeldet habe und mir selbst bewiesen habe, dass ich das auch hinkrieg. Die Arbeit auf Dauer zu übernehmen – Respekt – gerade auch bei der nicht gerade rosigen Bezahlung. Und Respekt gar nicht unbedingt wegen dem frühen Aufstehen oder der weiten Strecke. Respekt vielmehr für das Verrichten einer täglich exakt gleichen und nach wenigen Tagen durch Gewohnheit stupide gewordenen Arbeit. Das würde ich nicht durchhalten.

Was auch immer dieses persönliche Experiment für die Zukunft gebracht haben mag, eines weiß ich sicher: Sollte ich mal irgendwo einen Briefkasten anbringen, wird dieser zustellerfreundlich sein. Und jetzt hole ich mir meine acht Stunden Schlaf ab. Das war in den letzten Nächten leider nicht drin.

12:33 Uhr – Wenn ich alles wiedergeben könnte, was mir heute um 9.14 Uhr durch den Kopf geschossen ist, würden vermutlich in wenigen Minuten freundliche Herren in weißen Kitteln vor der Tür stehen und mich in die Nachbargemeinde Weißenau begleiten. Zum Glück war es so viel, dass ich mich nicht an die genauen Details erinnern kann.

Um 9.14 Uhr hat mein Handy geklingelt und mich aus dem Tiefschlaf gerissen. Ich habe es gehört, was kein Wunder war, weil es 50 Zentimeter neben meinem Ohr lag. Aber ich habe es am Klingelton auch sofort als mein Handy identifiziert. Rangegangen bin ich nicht, aber ich habe auf die LED-Zahlen meines Weckers geguckt. 9.14 Uhr eben. 9.14 Uhr? Welcher Zeit eigentlich? Deutsche oder Mexikanische? Und wenn es Deutsche Zeit ist, dann ist doch in Mexiko jetzt noch mitten in der Nacht. Und wo bin ich überhaupt? Nach wildem umhertasten habe ich einen Lichtschalter gefunden (ich habe einen links und einen hinter mir, also keine allzu schwere Übung) und konnte die letzte Frage beantworten: Ravensburg, Deutschland, in meinem Bett.

Doch es nicht nur so, dass ich noch eine Woche in Deutschland irgendwie noch ein bisschen in Mexiko hänge – auch, weil ich momentan täglichen Kontakt mit Mexiko habe. Dazu kommt: Nur einen Jetlag zu überstehen, war mir zu langweilig. Darum trage ich jetzt noch Zeitungen aus. Das heißt: Heute bin ich um 1 Uhr aufgestanden, von 2 Uhr bis halb 7 war ich unterwegs und habe bei Nieselregen diverse Zeitungen in Briefkästen gesteckt. Um 7 war ich wieder im Bett (unter der Woche geh ich dann ins Büro). Dieser etwas verquerte Schlaf-Wach-Rhythmus trägt auch nicht unbedingt zur Entwirrung bei. Zumal nach der Klärung des Aufenthaltsorts sofort die Frage herbeieilt: Ruft jetzt schon jemand an, weil ich die Zeitungen schlampig verteilt habe?!

Jetzt bin ich wach, es gab Frühstück und gleich fahre ich nach Aalen. Die kommende Nacht werde ich dann in meinem Kinderzimmer in Adrazhofen verbringen. Morgen Abend wird mit Mexiko telefoniert, dann geht es früh ins Bett und am Montagmorgen um 2 Uhr klingelt wieder der Wecker und es geht raus zum Austragen. Folgende Fragen könnten mir in den Kopf kommen, bevor ich den Lichtschalter finde:
2 Uhr? Welcher Zeit eigentlich? Deutsche oder Mexikanische? Und wenn es Deutsche Zeit ist, dann ist doch in Mexiko jetzt noch gestern. Und wo bin ich überhaupt? Ravensburg? Aalen? Adrazhofen? Doch Mexiko?

Kurzum: Ich bin verwirrt.

335.000 Schritte

20:32 Uhr – Nach fast drei Wochen Mexiko bin ich wieder zurück. Es waren anstrengende, heiße aber vor allem schöne Tage, an denen ich viele verschiedene Orte besucht, kleine Dinge beobachtet, großartige Eindrücke gesammelt und vielleicht ein paar neue Freunde gewonnen habe. Es macht für mich keinen Sinn, hier einen großen Reisebericht zu schreiben, das Erlebte und Gesehene lässt sich ohnehin nur schwer in Worte fassen. Sicherlich wird mir aber bei der ein oder anderen Gelegenheit die ein oder andere Anekdote oder Gegebenheit über die Lippen kommen. Eines will ich allerdings gerne für die Nachwelt festhalten – Mexiko 2015 in Zahlen:
18 Tage, rund 3.400 Kilometer Flug, rund 2.000 Kilometer in öffentlichen Verkehrsmitteln und Auto, rund 20 Kilometer auf dem Fahrrad, 233 Kilometer zu Fuß, das waren circa 335.000 Schritte – und keiner zu viel.